| Aktion
Sorgenkanzler
Henning
Helmhusen
Ich war etwas verwundert, als spät abends bei mir das Telefon läutete
und sich am anderen Ende der Bundesgeschäftsführer der SPD meldete.
Eine gewisse Sorge war in seiner Stimme nicht zu verkennen. „Herr
Helmhusen“, begann er: „Sie haben doch immer so viele und
gute Ideen. Können Sie uns nicht helfen, das Image von Gerd, ähm,
des Bundeskanzlers zu verbessern?“ Und als ich nicht gleich darauf
anbiss, wurde er eindringlicher: „Sie müssen einfach. Schließlich
haben Sie als Schriftsteller eine soziale Verantwortung.“ Da hatte
er mich.
Die Problemzonen des Bundeskanzlers waren schnell identifiziert: Arbeitslosigkeit,
Doris, Sozialsysteme, Außenpolitik, Haaretönen ... eigentlich
alles. Als ich mich mit meinen Vorschlägen kurz darauf zurückmeldete,
war Herr Scholz voll des Lobes: „Sind Sie eigentlich Genosse, Herr
Helmhusen? Sie machen das so, als wenn Sie schon lange dabei wären.“
Leider musste ich ihn da enttäuschen, versprach aber, mir das mal
durch den Kopf schießen zu lassen. Dann ging ich mit dem Geschäftsführer
die Details meines Planes durch.
Die Arbeitslosen seien, so empfahl ich, sehr einfach und haushaltsneutral
mit einer Ausgangssperre von der Straße zu bekommen. Und auch bei
den Sozialsystemen könne auf bewährte Mittel zurückgegriffen
werden: ein Krankheitspfand, ein Pflegepfand und ein Rentnerpfand, das
würde die Mehrwegquote schnell in die Höhe treiben. Schwieriger
sei da schon die vertrackte Lage in der Außenpolitik. „Geben
Sie einfach bekannt, dass der Irak neuerdings regierungsamtlich USA und
umgekehrt heißt und dass der Bundeskanzler schon immer ein Gegner
eines Irakkriegs und für einen Regimewechsel im Schurkenstaat USA
gewesen sei.“
Dann kam ich zum Kernstück meiner Kampagne. „Der Bundeskanzler
darf die Öffentlichkeit nicht mit unvermittelt wechselnden Images
verwirren. Halten Sie sich da an einen regelmäßigen Rhythmus.“
Fürs erste schlug ich folgenden Ablauf vor:
- Montag: Der Visionär – Grundsatzrede zur Regierungspolitik
für diese Woche.
- Dienstag: Der Boss der Genossen – Zigarrenrunde mit Gewerkschaftsführern.
- Mittwoch: Der Genosse der Bosse – Im Blaumann mit Industriellen
Currywurst essen.
- Donnerstag: Der Moderator – Koalitionsstreit vom Zaun brechen
und mit Machtwort klären.
- Freitag: Der Macher – Schnell vor dem Wochenende noch VW retten.
- Samstag: Der Diplomat – Blitzbesuch im Ausland, Enthüllung
eines Geheimplans.
- Sonntag: Der Familienmensch – Mit Doris Hillu besuchen, vegetarischen
Kuchen essen.
Der Bundesgeschäftsführer war außer sich vor Begeisterung.
Doch dann kam das dicke Ende. „Herr Helmhusen“, fragte er
mich: „arbeiten Sie eigentlich auch für andere Bundeskanzler?“
Ich musste verneinen. „Dann tut es mir leid. Ihre Ideen würden
uns wirklich helfen. Aber wir sind bei den Gewerkschaften unten durch,
wenn rauskommt, dass der Bundeskanzler Scheinselbständige beschäftigt.“
Er verabschiedete sich noch schnell. Und so blieb ich mit meiner ganzen
schönen sozialen Verantwortung allein.
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