Aufkleber
pflastern meinen Weg
Monopoly
bei Mc Donald’s
von
Naomi Braun-Ferenczi
Seit etwa einem Monat
habe ich meine Ernährung radikal umgestellt. Schuld daran sind
die Monopoly-Wochen bei McDonald’s: Das Jagdfieber nach den Straßen-Aufklebern
hat mich gepackt. Für alle, die es noch nicht wussten: Auf Softdrink-
und Frittenbehältern sind bunte Etiketten befestigt, die für
verschiedene Monopoly-Felder stehen. Hat man eine ganze Straßenserie
zusammen, gibt es satte Gewinne, die von einem Mountainbike bis zu einem
Geldgewinn von 250.000 Euro reichen. Von jeder Straßenserie gibt
es genau eine seltene Straße. So gibt es von den grünfarbenen
Straßen eine seltene, das ist die Hauptstraße. Rathausplatz
und Bahnhofstraße dagegen gibt es wie Sand am Meer.
Jeden Mittag zieht
es mich jetzt magisch zur McDonald’s-Filiale am Bonner Loch, dem
Drogenumschlagsplatz und Treffpunkt der Gestrandeten am Hauptbahnhof.
An ausgezehrten Junkies und chinesischen Rucksacktouristen vorbeigehend
ist mein Blick auf den letzten hundert Metern vor dem McDonald’s
fest auf das Fußgängerzonenpflaster gerichtet. Hier liegen
nämlich schon einige Aufkleber herum, in der Regel höchstwahrscheinlich
Dubletten, also Straßen, die der Wegwerfer bereits besaß.
Doch wer weiß, vielleicht hat sich der eine oder andere ja vertan.
Es könnte doch sein, dass jemand durch einen ungeheuren Zufall,
und solche gibt es ja bekanntlich, zweimal hintereinander die Hauptstraße
bekommen und irrigerweise gedacht hat „die hab ich schon, ist
also nicht die seltene, jetzt muss ich also noch Rathausplatz und Bahnhofstraße
kriegen“. Was mache ich also? Ich überwinde mein ganzes Schamgefühl
und bücke mich nach jedem Aufkleber. Was soll’s, hier laufen
doch eh nur ausgemergelte Drogenzombies und kulturschockierte Touristen
herum. Da fällt mir doch kein Zacken aus der Krone, wenn ich mich
nach Aufklebern bücke. Schließlich liegen hier potenzielle
Reichtümer! Die meisten von uns würden ja auch keinen auf
der Straße liegenden Zehn-Euro-Schein verschmähen.
Ich bestelle mir
übrigens immer das Monopoly-Maxi-Menü, da gibt es nämlich
die meisten Aufkleber, sechs Stück auf einmal! Auch wenn der Monopoly-Burger
nicht gerade einer Sternstunde der McDonald’s-Kultur entsprungen
ist, würge ich dieses Monstrum aus abfressigem Hack und fadem Brot
ganz diszipliniert mithilfe von 0,4 Litern Cola runter. Die Straßen
klebe ich dann fein säuberlich auf meinen Spielzettel. Direktgewinne
wie Softeis oder Cappuccino hebe ich mir für den jeweils nächsten
Besuch auf.
Heute, wo ich das
hier schreibe, sammle und klebe ich seit nunmehr vier Wochen. Von jeder
Straßenfarbe fehlt mir genau eine, von allen anderen habe ich
mittlerweile drei bis sieben Dubletten bzw., für Neunmalkluge,
Tripletten bis Heptaletten. In der Uni-Bibliotehek ein wenig gegoogelt,
und die letzten Zweifel sind beseitigt: Es sind genau die seltenen Straßen,
die mir fehlen, nämlich Badstraße, Poststraße, Hafenstraße,
Münchner Straße, Museumstrasse, Lessingstraße, Hauptstraße
und Schlossallee. Ein Oberschlauer bietet genau diese Straßen
bei Ebay ein, zum Startpreis von 1 Euro. Ich kann mich gerade noch mit
Mühe zurückhalten, diesem dreisten Betrüger nachzugeben
und mitzubieten.
Und vor etwa einer
Stunde ist etwas passiert, was mich, so glaube ich, vorläufig vom
Monopoly-Wahn geheilt hat. Ich war in der Bonner Innenstadt unterwegs,
als ich vor dem Bonner Münster einen Bettler gewahrte. Und was
benutzte dieser zottelige und runzelige Mann mit der schwarzen Baskenmütze
als Klingelbeutel? Richtig, einen 0,4-Cola-Becher von Mc Donald’s.
Und die beiden Aufklebermarken waren noch nicht entfernt. „Hat
diese arme Seele vielleicht, ohne es zu wissen, schon längst den
Jackpot geknackt?“ fuhr es mir durch den Kopf. Ich ging weiter,
und machte nach drei Minuten kehrt. Ich musste das Geheimnis des Bettelbechers
lösen, koste es, was es wolle. „Zehn Euro gegen Deinen Becher,
ist das ein Deal“? So ungefähr stellte ich mir das Gespräch
zwischen mir und dem Mann vor. Doch ich traute meinen Augen nicht. Der
Becher war weg, und an seiner Stelle lag die Mütze des nunmehr
barhäuptigen und zufrieden grinsenden Bettlers auf dem Pflaster.
Und in der Mütze lag ein Zehn-Euro-Schein. Und keine zwanzig Meter
entfernt, vor dem Haupttor des Bonner Münsters, sah ich zwei junge
Männer, die mit ihren Barbour-Jacken und streng gezogenen Scheiteln
wie Jurastudenten aussahen. Sie machten sich gerade an einem kleinen
Zettelchen zu schaffen. Wenig später stießen sie einen widerlichen
Jubelschrei aus.