| Jammern
auf höchstem Niveau
"Nur
gemeinsam sind wir stark", das dachten sich auch die Götter
im Himmel und gründeten eine Gewerkschaft, um sich gegen 'die da
unten' zu wehren. Dankenswerterweise erhielt ich die Gelegenheit, mich
auf dem ersten Kongreß von ver.tigo (Vereinigte Titanen und Gotteswesen)
darüber zu informieren, wo die Unsterblichen der geflügelte
Schuh drückt.
Wie
mir der Gewerkschaftsvorsitzende Wotan Zeus-Jupiter klagte, habe in den
letzten Jahrtausenden die Arbeitslosigkeit unter den Überirdischen
rasant zugenommen. Griechische und römische Götter schlügen
sich mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in der Lyrik oder als Sternbilder
durch. Aber noch schlimmer würden die aztekischen Götter diskriminiert,
die wegen Menschenopfern als schwer vermittelbar gälten. Überhaupt
habe die Opferbereitschaft der Sterblichen bedenklich abgenommen.
Woran
das liege, fragte ich Herrn Zeus-Jupiter. "Natürlich am Kapitalismus."
Zum einen wohne diesem Wirtschaftssystem eine Tendenz zur Monopolisierung
inne. Der religiöse Kunde schaue nur auf das billigste Angebot, und
das schaffe dann marktbeherrschende Multis wie 'God, Inc.' oder 'Allah
Enterprises'. Seine Gewerkschaft setze sich demgegenüber für
eine Regulierung des Religionsmarktes ein, die auch den angestammten Tante-Emma-Göttern
ihre Arbeitsplätze erhalte.
Andererseits
habe die Globalisierung verheerend gewirkt. Es sei ein eklatanter Fehler
gewesen, eine Greencard für den Olymp einzuführen. Seitdem drängten
verstärkt indische Billiggötter auf den Markt. Als abschreckendes
Beispiel nannte der Arbeiterführer hier den unlauteren Wettbewerb
der Göttin Durga, die mit ihren zehn Armen fünf europäische
Götter außer Lohn und Manna geworfen habe. Deshalb mache ver.tigo
bei der Politik Druck für eine Entsenderichtlinie und für internationale
Religionsstandards.
Ob
denn aber die Überirdischen nicht selbst teilweise schuld an ihren
Kalamitäten seien? Der Gewerkschaftsfunktionär verneinte dies,
räumte jedoch ein, daß man durch einige Skandale die Position
der Unsterblichen geschwächt habe. Es sei z. B. wenig hilfreich gewesen,
daß die Göttin Venus in der Boulevardpresse über ihre
Schönheits-OPs geplaudert habe. Auch die Kritik von Amnesty Celestial
an den ungöttlichen Haftbedingungen von Prometheus sei nicht ganz
unberechtigt. Dennoch wolle er auf einen Bestandschutz bei der Gottesverehrung
nicht verzichten.
"Und
was will Ihre Organisation konkret tun?" erkundigte ich mich schließlich.
Herr Zeus-Jupiter sprudelte vor Ideen. Mit einer 35-Stundenwoche für
Herkules könne die himmlische Arbeit gerechter verteilt werden. Außerdem
wolle man die Menschen mit Slogans wie "Sonntags gehört Gott
mir" oder "Unsterbliche aller Olympe, vereinigt Euch" für
das Thema sensibilisieren. Und wenn alles nicht helfe, würden die
Kollegen aus der Götterbranche auch nicht vor einem Wunderstreik
zurückschrecken.
Ich
war tief beeindruckt und, als der Kongreß von ver.tigo ausklang,
stimmte ich lauthals mit ein in das skandierte "Hoch die überirdische
Solidarität!"
Henning
Helmhusen

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