Radio
Gaga oder: eine Reflexion zwischen Echo und Eurovision.
„Radio what´s new? Someone still hurts you!“
[bzw.]
Von Körbchengröße D bis Aktenzeichen XY
Von Traugott Fürchtenicht
Da
nun zum wiederholten Mal der Deutsche Musikpreis „Echo“ verliehen
wird, kommt man nicht umhin, den Stimmen nachzulauschen, die im Mediendickicht
nachhallen. Kaum noch zu hören, und nicht mehr vertreten, sind MIA,
die nach den absurden Vorwürfen der Deutschtümelei den Titel
ihres dazugehörigen Albums noch schnell geändert hatten, aus
der allzu „Deutschen“ wurde klammheimlich die „Stille
Post“. Die ist längst abgegangen, aber niemand weiß,
wo sie sich jetzt aufhält, geschweige denn, was am anderen Ende herauskommt.
In „Nahaufnahme“ zeigt sich indessen Marius Müller Westernhagen
mit seinem neuen Album (u.a. als sogenannter Show-Act bei der Echo-Verleihung),
richtig müßte es wohl „Notaufnahme“ heißen,
denn leider ist Marius, der seinen endgültigen Abschied von der Bühne
schon mehrfach verkündet hatte, wieder rückfällig geworden
und hat neue Konzerte für den Herbst angekündigt. Diese Tragik
hatte sich schon vor langem abgezeichnet: bei seinem vorletzten Album
„Radio Maria“ versagte offensichtlich die Emfängnisverhütung.
Im Anschluß hatte er seine neue Produktion „In den Wahnsinn“
vorgestellt, doch niemand fand sich, um ihm in einer Zwangsjacke zu einer
Gesangstherapie zu verhelfen, etwa nach dem Muster: „Ich bin wieder
da, ich sing bloß bla bla, die Aussage war schon weg, und ich nur
mit dem Kanzler ums Eck ...“ [ad libitum zu erweitern].
Zwar nicht gleich um die Ecke, aber doch ganz nah ist uns auch „Amerika
(Amerika)“, nicht nur wegen der wiedermal nominierten Fascho-Ästheten
namens Rammstein, auf deren Konzerten sich schon gern einmal die Nachwuchs-Nazis
versammeln, um den Hitlergruß zu entbieten oder ein vielkehliges
„Heil“ auszurufen. Auch Armbinden findet man dort zuhauf,
wie wir sie ebenfalls bei Prinz Harry oder Michael Jackson finden, wenn
er in die Öffentlichkeit tritt. Im Rahmen der Sendung “Top
of the Pops“ soll Gerüchten zufolge demnächst über
das Casting einer schwulen Boygroup berichtet werden, die bei dem Label
Ekel-Records unter Vertrag steht. Name der Formation: New kids on the
cock. Insidern zufolge sind die Jungs bereits im frühen Alter von
Michael Jackson gefördert worden, bei dem sie oft zu Besuch waren.
– Denn: was sagt Michael zu den Jungen, die auf seinem Schoß
sitzen? “Du, in dir steckt ein großer Star!”
Apropos Starsearch. Offenbar hat dieses Fieber auch die restlichen Musiker
der Gruppe Queen umgetrieben, als sie sich auf die Suche nach einem neuen
Sänger machten (Paul Rodgers von “Bad Company”), der
nun unverhofft in adlige Gesellschaft geraten ist und mit der Band Deutschland
beehren wird. Man kann es sich nicht so recht vorstellen, es erscheint
eher wie ein April-Scherz oder, um das Oeuvre der Kultband zu zitieren,
eine Nachricht von Radio Gaga.
Vor
und nach dem “Echo” liegt allerdings der aufgepoppte Grand-Prix
de la Chanson d´Eurovision. Beim nationalen Vorausscheid Deutschlands
zum „Eurovision Song Contest“ – man könnte, mit
Blick auf die meisten Darbietungen, auch von einer (Vor-)Ausscheidung
sprechen – hätte beinahe ein Wiederholungstäter das Rennen
gemacht. Nur wäre das alles andere als “A miracle of love“
gewesen.
Mit Nicole Süßmilch und Marco Matias waren zwei in der Castingflut
des DSDS-Syndroms nach oben gespülte Gesangspartner in die vorläufige
Endrunde gelangt, die das Liedgut von Ralph Siegel in den Wettbewerb geschmuggelt
hatten. Denn dieser hatte sich unter einem Pseudonym beteiligt. Doch eigentlich
war seine Teilnahme auch nicht unerwartet gewesen, schließlich hatten
Kenner der Materie schon vorab auf die Aussendung seiner melodischen Altlasten,
dem „Schlagerschrott“ (Zitat Udo Lindenberg), Brief, oder
besser: Ralph & Siegel gegeben. Damit nicht genug: auch die andere
Finalistin (und Siegerin des Abends), Gracia, war ursprünglich durch
die Casting-Show „Deutschland sucht den Superstar“ bekannt
geworden. Nicht zuletzt, weil Daniel Küblböck damals –
aufgrund ihres vorzeitigen Ausscheidens – vor laufender Kamera einen
Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Das einzige, was an Gracias Vortrag
in Erinnerung blieb, war – neben dem Songrefrain – ihr amazonenhaft
herausgestellter Busen und damit die nicht unerhebliche Frage: gewann
sie nun mit 52,8% oder doch mit Körbchengröße D?
Einst hieß es: wo Menschen singen, laß dich nieder –
von wegen! Casting-Menschen, die haben vielleicht Lieder! Da heißt
es Vorsicht und – um den Siegertitel zu zitieren: You´d better
run and hide! – Das wäre auch ein passendes Motto gewesen,
um dem Moderator dieser Sendung zu entkommen, dem beckmessernden Beckmann,
der sich – wegen seiner Rückgratlosigkeit, mit der er gewöhnlich
in der eigenen Talksendung in den verbalen Strafraum der Gesprächspartner
eindringt – mittlerweile als Schleimhold Leckmann einen Namen gemacht
hat.
Um einen weiteren Fall von Grenzwertigkeit zu dokumentieren, sei Udo Lindenberg
erwähnt, für den seine Muse, die erklärtermaßen bisexuelle
und „plattgefickte“ Ellen ten Damme ins Rennen gegangen war.
Lindenberg hatte bei jenem Anlaß dem Moderator eine aus den 80er
Jahren stammende Pistole mit verknotetem Lauf überreicht und nuschelte
ein cooles „Stell dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin!“.
Das war so furchtbar originell und engagiert, das man denken mochte: Stell
Dir vor es ist Grand Prix, und keiner hört hin! Oder: keiner kriegts
hin!
Gracia,
Marco und Nicole (Süßmilch, nicht die mit dem bißchen
Frieden von vor einigen Jahren) wären uns erspart geblieben, hätte
man während des Ausbruchs der SARS-Epidemie einen umfangreichen Packen
Mundschutztücher beiseite geschafft und beizeiten den Probanden der
Casting-Shows umgebunden, versehen mit den Großbuchstaben „DSDS!“
alsWarnhinweis. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hätte sich gefreut,
der Radiohörer erst recht.
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