Bethlehem
- tabuloser Jesusrock
Vermutetes Original-Tape
"Wer
Bethlehem einmal gehört hat, den lässt diese Musik nicht mehr
los", so ein DJ in der In-Disco "Living XXL" in Frankfurt.
Mittlerweile gibt es kaum noch einen Szenepapst, der "Bethlehem"
nicht kennt und dieser obskuren Gruppe nicht absoluten Kultstatus attestiert.
Dies ist nicht zuletzt dem Umstand zuzuschreiben, dass niemand die Verursacher
dieser Band kennt. Experten datieren die Kassette, mit der alles seinen
Anfang nahm, auf das Jahr 1985. Das Tape tauchte bei einem NDW-Sammler
in Berlin auf, der es angeblich von einem Bundeswehrsoldaten hatte,
der wiederum in einer Kaserne in Daun in der Eifel die Stube mit dem
Sänger von "Bethlehem" teilte. Von diesem habe er die
Kassette im Tausch gegen ein Tape der legendären Jülicher
Punkband "Perverser Hautbefall" bekommen. Dem Dauner Informanten
zufolge stamme der Sänger aus Buchholz bei Hamburg und habe damals
einen strenggläubigen Christen vorgespielt, der darunter litt,
dass seine Freundin seine Ablehnung von vorehelichem Sex ("Hurerei")
nicht akzeptierte. Der sympathische Buchholzer habe aus Verzweiflung
über diesen Konflikt sogar einmal soviel Bier mit Korn getrunken,
dass er im San-Bereich ausgepumpt werden musste. Für Fans von "Bethlehem"
sind diese einzig verfügbaren Infos über die Verursacher des
Tapes eine Art Katechismus. Nach diesem Schema haben bereits zahlreiche
Minne-Trinkgelage unter den Klängen der Band stattgefunden.
Unter
Kennern gilt "Bethlehem" heute als der Gipfel des NDW-Gestus,
der durch ironischen Reduktionismus und artistischen Pseudodilettantismus
gekennzeichnet ist. "Bethlehem" ist ähnlich wie die NDW-Kultband
"Deutsche Verkehrsjugend" ein Themenprojekt in bester Alan-Parson-Tradition.
Wie der Name schon vermuten lässt, geht es in den 15 Stücken
der Kassette um Jesus Christus und dessen wohltuende Wirkung auf den
Gläubigen. Die musikalische Erzählhaltung gläubiger Ergriffenheit
ist dabei so glaubhaft umgesetzt, dass unvoreingenommene Hörer
tatsächlich den Eindruck gewinnen können, es handle sich um
den stümperhaften Versuch inbrünstiger Heiland-Anhänger,
ihrem Meister in bester White-Metal-Manier ein Denkmal zu setzen. Doch
Lieder wie "Jesus help me" mit seinem unübertroffenen
Schlagzeug-Intermezzo, das weder Helge Schneider noch die amerikanische
Gruppe Devo nerd-haftiger hätten kreieren können, eröffnen
dem Connaisseur einen bestürzenden Kreativitätsabgrund, welcher
am ehesten noch mit den Dogma-Filmen verglichen werden kann.
Eines
steht fest: Die Urproduzenten dieses Tapes haben ihre musikalische Tätigkeit
offensichtlich nicht fortgeführt und wissen möglicherweise
gar nicht um den Stellenwert von "Bethlehem" in der NDW-Rezeption.
Es handelt sich also im Gegensatz zu den Gruppen "SAT Stoicizmo"
und "The Residents" nicht etwa um Musikschaffende, die Geheimniskrämerei
als Marketingmittel einsetzen, sondern vielmehr um den einzigartigen
Fall einer Perle, deren Muschel gar nicht ahnt, was sie da abgesondert
hat.