
Bizarre Zeugen einer
dunklen Vergangenheit
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Der rätselhafte
Windkult
von
Till Meiners
November 3250:
Archäologen haben bei kürzlichen Ausgrabungen interessante Zeugnisse
aus der Vergangenheit aufgetan. Ein Totempfahl von 70 Metern Höhe
wurde bei einer Grabung in der Nähe einer Siedlung aus dem 21. Jahrhundert
entdeckt. Der Pfahl ist aus lackiertem Stahl gefertigt. Mit der Radiokarbon-Methode
konnte sein Ursprung ungefähr auf das Jahr 2000 datiert werden. Am
oberen Ende ist er mit einem rotierenden, dreiarmigen Kopf versehen. Wir
nehmen den Fund zum Anlaß, dem interessierten Leser den relativ
gut erforschten, in der Laienwelt dennoch ob seiner heutigen Bedeutungslosigkeit
weithin unbekannten Windkult dieser Zeit vorzustellen.
Einige Erkenntnisse
entstammen religiösen Schriften der Zeit, von denen eine der sogenannte
"Code Trittin" ist, eine Sammlung von Verboten und Geboten,
die nach einem wichtigen Hohepriester benannt ist. Weitere Erkenntnisse
ergeben sich aus den Regeln der Deduktion.
Im ausgehenden
20. Jahrhundert, einer Zeit der relativen Ruhe und Sättigung, kam
es in Nordeuropa zu einer Bewegung aus den hergebrachten Religionen heraus,
hin zu einer orientierungslosen Gemengelage einer sogenannten Ökumenekirche,
die jedoch keinen Versuch der Abgrenzung gegenüber anderen Glaubensrichtungen
erkennen ließ. Die Gesellschaft in dieser Gegend und Zeit löste
sich auf. Zusammenhalt, der aus Regeln und der Separation gegenüber
anderen Gesellschaften erwachsen war, wendete sich offenbar in kaum fassbare
Haltlosigkeit. Wie hinlänglich bekannt ist, handelte es sich dabei
nach weit überwiegender Meinung unserer Historiker um den "Untergang
des Abendlandes".
Dies war die
Zeit, in der auch der Windkult entstand. Die Menschen suchten Wege aus
der Orientierungslosigkeit; eine der verfolgten Richtungen war der Windkult.
Um den Windgott (oder die Windgötter?) für sich zu gewinnen,
stellten die Menschen Totempfähle wie den gefundenen auf. Die Pfähle
waren von innen hohl und am Kopf mit jeweils einem Rotor versehen, der
über ein ausgeklügeltes Räderwerk drehbar ausgeführt
war. Heute interpretieren wir die Höhe als besondere Ehrerbietung
dem Windgott gegenüber. Er stand "über" den Menschen.
Das Räderwerk bildete wohl die Komplexität der Welt ab, ihr
für Laien (und wohl auch ihre religiösen Führer) unverständliches
Zusammenspiel.
Einige Forscher
haben die Frage einer bis heute nicht nachgewiesenen Verbindung zu den
in früheren Jahrhunderten bekannten, sogenannten Windmühlen
aufgeworfen. Während diese allerdings eine in wirtschaftlichen Schaffungsprozessen
nützliche Funktion wahrnahmen, kann ein Evolutionsschritt zu den
rein kultischen Zwecken dienenden Totempfählen ausgeschlossen werden.
Gewisse Parallelentwicklungen sind ebenfalls aus heutiger Sicht nicht
erklärbar. So ging der Windkult einher mit dem Verfall der seit dem
19. bzw. 20. Jahrhundert bekannten, effizienten Methoden der Energiegewinnung
und -versorgung. Ein Zusammenhang zwischen diesen Entwicklungen ist indessen
nicht darstellbar und muss insgesamt verworfen werden.
Der Windkult
wurde auf Staatsniveau betrieben. Es gab neben dem Oberhaupt der Gegend,
dem Kanzler, dem ein weiser Mann, der Präsident, zur Seite stand,
ein höchstes Priestertum: das Umweltministerium. Dieses Ministerium
konnte sich zu kultischen Zwecken die Staatsräson untertan machen;
ein nicht kleiner Anteil der Steuermittel wurde zur Herstellung der Totempfähle
genutzt.
Der Ritus selbst
bestand wohl, wie Nachbauten und Grabungen erwiesen, darin, dass zu nicht
vorherbestimmten Zeitpunkten die Rotoren der Pfähle sich mit lautem
Surren in Bewegung setzten und die Menschen in Erstaunen und Andacht dem
gemeinsamen Werk des Windgottes und des Sonnengottes in Form eines kreisenden
Schattens auf dem Boden zuschauten. Interessant und ungeklärt ist
die Tatsache, dass die Pfähle oft fernab menschlicher Siedlungen
zu finden sind, so an Orten, die damals (vor den Maßnahmen der Landgewinnung)
wohl im Wasser lagen, aber nicht selten auch in direkter Nachbarschaft
von Wohnorten. Fast immer wurden die Pfähle an topographisch hervorgehobenen
Punkten aufgestellt, so dass der Windkult omnipräsent war und sich
die Menschen zu keinem Zeitpunkt von den Mächten des Windgottes unbeobachtet
fühlen konnten.
Das Diktat
der Priester griff übrigens in das Gemeinwesen mit Geboten und Regularien
ein, welche sich nicht nur auf diesen Totemritus bezogen. So wurden die
Menschen mit Mobilitätsrestriktionen, Abfalltrennung, strenger Reglementierung
der Herstellung von Nahrungsmitteln und Verboten nützlicher chemischer
Produkte und Substanzen überzogen. Bis heute ist nicht geklärt,
warum der Windkult eine so herausragende Rolle spielte. So hatte sich
innerhalb des Umweltministeriums auch eine Sekte herausgebildet, die den
Sonnengott anbetete. Weitere Sekten und Abspaltungen bearbeiteten eine
große Zahl erfundener Katastrophen, die unweigerlich zu ständig
neu "berechneten", in der Zukunft gelegenen Zeitpunkten eintreffen
würden, falls nicht durch kultische Handlungen und Ablasszahlungen
verschiedene Götter günstig gestimmt würden.
In der Spätphase
des Wind- und Sonnenkultes fühlte sich die Priesterkaste verfolgt
und setzte ihre Macht rücksichtslos ein, um nicht von den realen
Gegebenheiten überholt zu werden. Wissenschaft wurde verboten, Fortschritt
unterbunden und Bildung behindert. Dies alles führte zum Verfall
der Transportwege und der ungehinderten Kommunikation, letztlich auch
zur Zerstörung verschiedener Abwehrmechanismen der dekadent gewordenen
Gesellschaft. Sie wurde von außen unterspült, penetriert und
verlosch gegen Mitte des 21. Jahrhunderts.
Hoffentlich
waren diese kurzen Ausführungen über den rätselhaften Windkult
dem geneigten Leser lehrreich und unterhaltsam. Vieles bleibt im Unklaren,
manches führt zu Kopfschütteln und wirft Fragen auf, welche
die Forschung noch heute beschäftigen: Warum glaubten die Menschen
an einen Windgott? Wie konnte die Umweltideologie in so kurzer Zeit zur
Staatsreligion werden? Und vor allem: Wie konnte es geschehen, dass sich
eine Priesterkaste der Staatsräson bemächtigte? So endet diese
Abhandlung mit offenen Fragen, die uns wohl am besten zur Ermahnung dienen
sollten. Wehret den Anfängen!

Schon im frühen 21. Jahrhundert schien sich Widerstand
gegen den Windkult zu regen, wie diese mittelalterliche Photographie zeigt.
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