|
|
Deutschland
im Jahr 2014 - zehn Jahre nach Einführung des Präventionsgesetzes
schreiben die Krankenkassen endlich wieder schwarze Zahlen. In ihren palastartigen
Prachtbauten stehen goldene Statuen der ehemaligen Gesundheitsministerin
Ulla Schmidt. Sie war eine der ersten, die sich traute, öffentlich
auszusprechen, was viele nur heimlich dachten:
Schuld an der Misere der Sozialsysteme waren die Kranken. "Prävention
muss zur nationalen Aufgabe werden!", verkündete sie und leitete
damit eine der umfassendsten Gesetzesinitiativen ein. Rückenkranke
sollten reduziert werden - zehn Prozent allein brächten 2,6 Milliarden
Euro in die Kassen. Damit wollte man sich selbstverständlich nicht
zufrieden geben. Ulla wollte volle hundert Prozent. "Bewegen Sie
sich!" hieß die Parole - durch die Streichung der Fahrtkostenzuschüsse
wurde hier schon einiges erreicht.
Der Anstieg der Arbeitslosigkeit sorgte vorübergehend ebenfalls für
einen Rückgang der Rückenkranken, war aber durch die Beitragsausfälle
eher kontraproduktiv. Da fiel Ulla eine andere Gruppe ein, die auf Kosten
der Steuerzahler in Saus und Braus lebte: Auftragskiller, die sich hatten
erwischen lassen und nun in den staatlichen Vollzugsanstalten fürs
Nichtstun durchgefüttert wurden.
Zuerst wurden sie auf diejenigen angesetzt, die trotz Arbeitslosigkeit
noch rückenkrank waren. Durch den Erfolg beflügelt, wurde die
Aktion auf alle Rückenkranken und alle Arbeitslosen ausgeweitet.
Der Standort Deutschland wurde wieder attraktiv: null Prozent Arbeitslosigkeit.
Vor allem aber stellte Ulla die Weichen für die Zukunft und fing
wie alle guten Diktatoren bei den Kindern an:
"Neben dem Elternhaus müssen Kinder schon im Kindergarten und
in der Schule lernen, wie man sich richtig ernährt und sich ein leckeres
und gesundes Pausenbrot zubereitet."
Gesundheit wurde Pflichtfach an allen Schulen. Die nötigen Mittel
wurden durch Streichung des subversiven Geschichtsunterrichts aufgebracht.
Neben der Zubereitung des leckeren Pausenbrots lernten die Kinder den
richtigen Umgang mit staatsgefährdenden Elementen wie Schokoladenessern
und Sportmuffeln. Für das Melden eines Schokoriegel-Fressers gab
es zehn Punkte, für einen Raucher hundert. Wer bis zum Abitur 500.000
Punkte zusammen hatte, war von der Studiengebühr befreit.
Steuern und Sozialbeiträge wurden prozentual, pro Kopf und nach Gewicht
erhoben. Dauerdicke kamen in Gesundheitslager und leisteten dort mit der
Produktion von Seife ihren Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Chronisch
Kranke durften das Haus nur noch in speziellen Schutzanzügen verlassen.
Junge Menschen trafen sich an Alten- und Pflegeheimen und tanzten fröhlich
um die großen Feuer.
Nur
ein kleiner Wermutstropfen fällt auf die Zehnjahresfeier des großen
Gesetzes. Ulla kann nicht mehr teilnehmen. Für sie kam jede Prävention
zu spät. Ein Eliteschüler, der im Dunkeln nur ihre massige Silhouette
sah, erfüllte reinen Herzens seine Pflicht.
Copyright
© 2004 Susanne Henke / www.storysite.de
Auch
von Susanne Henke: Was sind eigentlich
Reformen?
|
|