Das
Studentenparlament (Phrank)
Auszüge
aus Kapitel 12 der "Säulenhalle"
[...]
Allmählich trudelten die ersten Studentenpolitiker ein
und ließen sich an den Tischen auf dem als Parlamentsfläche
dienenden Podest nieder. Man konnte es den Leuten genau ansehen,
welcher politischer Gruppierung sie angehörten: Die schnieken
RCDS-ler mit ihren ausdruckslosen und wichtigtuerischen Visagen,
die vom Outfit her ähnlichen, aber fröhlicheren
und besser aussehenden Liberalen und der regierende Block
aus Jusos, Grünen, Marxisten und Antifaschisten, deren
Linkssein sich durch schlampige Kleidung, selbstgestrickte
Pullover, zerschlissene Jeans, Ohrringe, Nasen-Piercings,
Irokesenschnitte, rotgefärbte Grunge-Bärtchen oder
Guildo-Horn-Frisuren manifestierte. Keine der Parlamentarierinnen,
weder die in Blüschen gesteckten pickeligen RCDS-Frauen
noch die ungewaschenen, alles Feminine peinlichst vermeidenden
und mit Gewichtsproblemen kämpfenden Frauen des linken
Blocks, war auch nur ansatzweise schön oder sexy - bis
auf eine Brünette, die mit zwei Leuten am Tisch neben
mir saß und ein Gesellschaftsspiel auspackte. Ich hatte
sie gerade ins Visier genommen, als sie mich auch schon anlächelte
und zu mir sprach:
“Hallo,
hast du nicht Lust, 'Kanzler' zu spielen? Uns fehlt noch eine
vierte Person.“
–“Ja gerne, aber ich kenne das Spiel nicht, das
müßt ihr mir erst erklären.“
–“Ich hab das bisher auch nur einmal gespielt,
das ist aber ganz einfach. Es geht dabei darum, die Bundestagswahlen
zu gewinnen und einen seiner Politiker Kanzler werden zu lassen.“
–“Das hört sich interessant an. Ja, da spiele
ich gerne mit. Welcher Partei gehört ihr denn an?“
Ich setzte mich zu den drei Jungpolitikern. Die Brünette,
die durch einen lasziven Ausschnitt, große rehbraune
Augen und lange wallende Haare bestach, gab sich als Juso
zu erkennen. Die zweite Person mit blondem Kurzhaarschnitt
und Brille, die ich erst beim näheren Hinsehen als Frau
identifizierte, war auch eine Jungsozialistin, und bei der
dritten Person handelte es sich um ein Milchgesicht mit rosa
Lagerfeld-Zopf und elegischer Fistelstimme, wahrscheinlich
männlichen Geschlechts, das sich als Mitglied der Schwul-Lesbischen
Hochschulgruppe outete.
“Und du, bist du auch in einer Gruppe oder tust du dir
diese SP-Sitzung etwa als unbeteiligter Besucher an?“
wollte die Juso-Brünette wissen.
–“Ich wollte mir das hier mal angucken. Wie heißt
ihr eigentlich?“
–“Ich bin die Ivana, das hier ist Melanie, und
das da ist Günther.“
–“Ich heiße Phrank. Ivana, ist das ein slawischer
Name?“
–“Ja, in meinem Falle ein serbischer, allerdings
mit Ypsilon geschrieben, da wollten meine Eltern besonders
originell sein.“
–“Das sieht geschrieben bestimmt sehr schön
aus! Yvana!“
–“Findest du?“
–“Ja, ich schreibe mich übrigens auch nicht
mit F, sondern mit PH.“
–“Echt, war das auch eine Laune deiner Eltern?“
–“Nein, getauft bin ich auf Frank mit F, doch
schreibe ich mich mit PH, da ich einer Bewegung angehöre,
die alle Effs durch PH ersetzt.“
–“Moment mal, etwa diese Phones?“
–“Ja genau. Wir wollen jetzt übrigens auch
fürs SP kandidieren.“
Es war nun an Melanie und Günther, die Regie zu übernehmen:
Was denn das sollte, was wir denn überhaupt damit bezweckten,
so aus Jux und Dollerei könne man doch nicht kandidieren,
das würde den Linken nur Stimmen wegnehmen, und diese
Phones würden doch nur Klos beschmieren, ob denn das
keine Sekte sei. Yvana schmunzelte derweil vor sich hin, sie
hatte offenbar kein so großes Problem mit der Kandidatur
einer Phone-Liste.
Melanie und Günther hätten noch weiter genervt,
wenn nicht Henning gekommen wäre, dessen Anblick mir
einen Sack voller Steine vom Herzen fallen ließ. Erstens
war er allein zurückgekehrt, und das bedeutete, daß
er den Abend nicht mit Luise verbringen würde, ja daß
sie ihm vielleicht sogar eine Abfuhr erteilt hatte, und zweitens
erlöste er mich vom aufgeregten Geschnatter der beiden
linken Gutmenschen, die sich sofort auf Henning einschossen:
“Oh nein, da kommt noch so einer! Na, Henning, alter
Kapitalist, haben Eure Sponsoren von der Industrie wieder
was rüberwachsen lassen, oder wie kommst du zu diesen
Schuhen?“
–“Ja, wir haben in der Tat eine üppige Spende
von Coca Cola für den Wahlkampf erhalten, aber die Schuhe
leiste ich mir von meinem Gehalt.“
–“Ach ja, stimmt, du bist ja bei Control Risks",
sagte Yvana. "Spielst du mit uns Kanzler?“
–“Ja klar.“
–“Das ist übrigens Phrank.“
–“Sehr erfreut.“
Ich fand Henning einfach widerlich. Zwar finde ich die radikalliberalen
Ideen von Hennings Partei KPD-ML durchaus sympathisch, doch
dieser aalglatte Yuppie mit dem blauen Seidenhemd und der
gelben Krawatte schien ein pathologischer Angeber zu sein.
Außerdem machte er Luise den Hof, was zwar zeigte, daß
er Geschmack hatte, ihn aber zu meinem natürlichen Feind
werden ließ.
Also setzte ich alles daran, ihm bei unserer Runde "Kanzler"
zuwiderzuhandeln. Ich tat mein bestes, den von ihm scheinbar
favorisierten Parteien FDP und CDU zu schaden, ich schoß
mit meinen Skandalkarten schwarzgelbe Politiker ab und setzte
bei Landtagswahlen keine entsprechenden Küggesse ein,
und das obwohl ich selber viele CDU-Politiker auf der Hand
hatte. Doch da sich die mitspielenden Mädchen zu dämlich
anstellten und ohne Rücksicht auf ihr Blatt ihre jeweiligen
Lieblingsparteien begünstigten, profitierte Henning bei
der abschließenden Bundestagswahl von einer Koalition
aus SPD und PDS am meisten und gewann das Spiel.
"Yvana, wir hätten besser zusammenarbeiten sollen",
murrte ich.
–“Tut mir leid, Phrank, aber ich mußte die
PDS-Steine einsetzen, das sind die einzigen, die Verständnis
für uns Serben haben."
[...]
Durch
das Schellen einer Kuhglocke berief der SP-Vorsitzende, der
mit seinem albinesken Alm-Öhi-Bart wie 30 Semester Philosophie
aussah, die Sitzung des Studentenparlaments ein. Der erste
Tagesordnungspunkt war ein Artikel der lokalen Hochschulzeitschrift
"Der Armleuchter" über einen Aldi-Supermarkt
, der sich zum Treffpunkt für partnersuchende akademische
Singles entwickelt hatte. "Läufige Studentinnen
finden sich vor der Tiefkühltruhe mit den Putenschenkeln
ein, während notgeile Vertreter des männlichen Geschlechts
an den Kartoffelsäcken warten." Yvana hatte eine
Resolution eingebracht, wonach der Ausdruck "läufige
Studentinnen" als frauenfeindlich und chauvinistisch
zu verurteilen sei, zumal Frauen dadurch mit Tieren gleichgestellt
würden. Das SP habe sich von dem Artikel zu distanzieren,
der nur darauf abziele, Männer auf weibliche Sexualobjekte
in den Supermarkt zu hetzen.
Henning hielt dagegen, daß auch Frauen das Recht hätten,
sich in einem Supermarkt oder sonstwo Männer zu angeln
und daß es nicht sexistisch sei, wenn beide Geschlechter
das selbe wollten. Von wegen das selbe wollen, warf eine Vertreterin
der Autonomen Liste ein, Männer neigten nun mal dazu,
Frauen sexuell zu dominieren, und Henning solle mal die Millionen
vergewaltigter Frauen fragen, ob die auch "das selbe"
gewollt hätten. Ein Homo der Schwul-Lesbischen Liste
warf ein, daß nicht alle Männer gleich seien und
daß der Ausdruck "notgeil" für Männer
auch nicht gerade zum Geschlechterfrieden beitrage.
Die Autonome hielt dem entgegen, daß bekanntermaßen
noch nie eine Frau einen Mann vergewaltigt habe, was einen
RCDS-ler auf den Plan rief, der bei Hans-Peter Dürr gelesen
hatte, daß in den USA drei Frauen einen LKW-Fahrer gefesselt
und dessen Glied sexuell manipuliert hätten, woraufhin
der arme Mann aus Scham nie mehr einen hochbekommen habe.
Die Autonome warf ein, daß dadurch wenigstens ein weiterer
potentieller Vergewaltiger ausgeschaltet worden sei. Als dann
der RCDS-ler erwiderte, daß er sich seinerseits beim
Anblick der Autonomen wenn nicht vergewaltigt, so doch kastriert
fühle, setzte es wüste Beschimpfungen, die in einem
weiteren Resolutionsantrag mündeten, wonach die Bemerkung
des RCDS-lers als "zutiefst menschenverachtender, chauvinistischer
und die Grenze des guten Geschmacks überschreitender
Ausdruck einer bestialischen Gesinnung" zu verurteilen
sei.
Nach etwa zwei Stunden wurde über die beiden Anträge
abgestimmt. Die Sache mit dem Sex-Supermarkt kam nicht durch,
da die Schwul-Lesbische Liste sich nicht zu einer Verurteilung
durchringen konnte, dafür wurde als Zeichen der Wiedergutmachung
und der linken Solidarität der menschenverachtende RCDS-Macho
auch mit den Stimmen vom anderen Ufer scharf gerügt und
verurteilt, woraufhin die Fraktionen aus RCDS und Liberalen
aus Protest den Saal verließen, was zur Folge hatte,
daß die als nächste Tagesordnungspunkte vorgesehenen
Anträge der Linken zur Unterstützung diverser politischer
Gruppen wie der "Grünen Khmer" oder eines Solidaritätskommitees
für die Zapatisten fast ohne Gegenstimmen durchkamen.
Ferner wurde beschlossen, daß jeder "normale Studierende
männlichen Geschlechts" einem im Unigelände
in vollem Wichs angetroffenen Burschenschafter das Mützchen
vom Kopf zu hauen habe. Frauen wurden auf Yvanas Antrag hin
ausdrücklich von dieser Pflicht ausgenommen, um keine
potentiellen Vergewaltiger aus der Reserve zu locken.
Yvana war eine faszinierende Frau. Die Art wie sie ihre linken
Pappenheimer mit ihren ins Groteske gesteigerten emanzipatorischen
Forderungen im Griff hatte, war imponierend. Ich bin davon
überzeugt, daß es ihr vor allem darum geht, mit
ihrer Meinungshoheit über dem linken Lager Macht auszuüben
und zu genießen. Sie ist viel zu intelligent, als daß
sie ihre geäußerten Ansichten wirklich ernst meinen
könnte. Womöglich ist sie eine mit viel Humor ausgestattete
Macchiavella. Ich würde sie gerne näher kennenlernen,
und vielleicht kann ich sie für die Phone-Idee begeistern.
Kapitel
17: Die Graue Liste
Bei
Amazon: David Schahs Roman Die Säulenhalle

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Yvana:
Bestechende Juso-Frau
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