Zur
Renaissance des guten Tons
Julius
Stettenheim (1896)
Es
ist leider nicht mehr in Abrede zu stellen, daß sich
in den persönlichen Verkehr ein Ton eingeschlichen hat,
der wegen seiner Plumpheit kaum noch zu ertragen ist. Namentlich
nicht für das gebildete Ohr und den geläuterten
Geschmack, die gezwungen sind, sich hülflos beleidigen
zu lassen. Ich glaube daher, daß es die höchste
Zeit ist, eine Umkehr anzubahnen und zur Aufbesserung des
herrschenden Tons Vorschläge zu machen, welche zum ersehnten
Ziele führen können. Es ist zuerst der Versuch anzustellen,
den Ausdruck da zu mildern, wo er durch seine Unverblümtheit
das feinere Gefühl verletzt, während die Milderung
an dem, was gesagt werden soll, nichts ändern, aber doch
wenigstens salonfähig gestaltet wird.
Wie
ich es verstanden wissen will, mögen Beispiele erläutern.
Wenn
man z. B. einem Dummkopf sagen will und sagt, er habe das
Pulver nicht erfunden, so klingt das grob und ist dies ja
auch. Viel feiner aber klingt es und drückt doch dasselbe
aus, wenn man, vielleicht mit einer Verbeugung, erklärt:
"Ach verzeihen Sie meinem schlechten Personengedächtnis,
ich hielt Sie irrthümlich für Berthold Schwarz."
"Sie
sind ein Theekessel!" klingt ganz gewiß beleidigend.
Wenn man statt dessen sagte: "Ich habe gehört, daß
Sie singen können," so drückt man dasselbe
aus, ohne daß der Beleidigte irgend etwas erwidern kann,
wodurch die Aeußerung einiges von ihrer Schärfe
verlöre.
Wie
entsetzlich klingt das Wort: "Sie Ochse!" Man kennt
auch die unausbleiblichen Folgen. Wer dafür das Wort:
"Sie Entführer Europas!" setzt, wird sich die
Folgen vom Leibe halten und doch nach Wunsch grob gewesen
sein.
Wird
man durch schlechtes Klavierspiel gepeinigt, so wäre
es immerhin verwerflich, dem armen Pianisten zu sagen, er
spiele wie ein Schuster. Erklärt man aber, er spiele
wie Hans Sachs, so wird der gleichfalls geschädigte Ohrenzeuge
wohl wissen, was dies bedeutet, während der Klavierspieler
sich vielleicht geschmeichelt fühlt und erst nach einigen
Tagen durch Anfragen bei Literaturkennern erfährt, daß
Hans Sachs nicht Klavier, aber ein Schuster gewesen sei.
"Sie
sind ein Schwätzer!" klingt gleichfalls schrecklich
und beleidigt. Gegen die Behauptung aber: "Sie sind vielleicht
ein großer Stratege, indeß kein Moltke" kann
Niemand etwas einzuwenden haben, denn es ist kein Verbrechen,
nicht Moltke zu sein.
Wie
roh klingt der Zuruf: "Sie sind ein Lump!" Wie viel
zarter der Zuruf: "Sie sind bescheiden!" Wer Goethe's
Faust kennt, wird aber wissen, was der Wüthende hat schelten
wollen. Auch wer für: "Sie Kameel!" "Sie
Schiff der Wüste!" schilt, wird weniger den guten
Ton verletzt haben.
In
Gegenwart der Mutter und anderer Familienmitglieder nenne
man ein Kind nicht Ferkel, um sie nicht mehr als das Kind
zu beleidigen. Man streichle das Kind, als wäre es ein
junges Glück. Es ist das, wie man nach einigem Nachdenken
finden wird, ganz dasselbe und doch wenigstens für den
ersten Moment durchaus nicht verletzend.
Will
man einem Erzähler klar machen, daß man das Erzählte
für Lüge hält, so unterlasse man es, dies Wort
zu gebrauchen. Man behaupte dafür, selten so viel Kurzbeiniges
gehört zu haben.
Man
unterlasse es, einem Gast zu sagen, seine Tischrede währe
zu lang. Das muß ja einen Redner auf das Tiefste kränken.
Ebenso grob und doch freundlich ist es, statt dessen ihm zuzurufen:
"Ihre Rede wird gut."
Will
man gegen Jemand behaupten, daß das, was er gesagt habe,
Wahnsinn sei, so schmeichle man ihm durch die Bemerkung, welche
genau dasselbe behauptet: "Was Sie vorbringen, hat doch
Methode."
Jede
Tafelrunde wird entrüstet und jede fröhliche Stimmung
zerstört sein, wenn man seinem Tischnachbar einen Esel
aufbrummte. Entrüstung und Zerstörung aber wären
vermieden, wenn man statt Esel sagte: "Herr, wir, Ihre
beiden Nachbarn zur Rechten und Linken, sind keine Heubündel!"
Will man Jemand sagen, daß er ein Thor sei, so kleide
man das in die Schmeichelei: "Sie gehören an den
ersten Platz in der Stadt."
Es
ist ja schlimm, gelangweilt zu werden. Aber wir sollten dies
doch nicht Jedem in's Gesicht schleudern, der uns diese Langweile
zufügt. Höflicher klingt es doch jedenfalls, wenn
man freundlich erklärt: "Obschon wir erst eine Stunde
zusammen sind, so ist es mir doch, als verkehrte ich schon
sechs Monate lang mit Ihnen." Man wird zugeben, daß
der Langweilige durch diese Worte eher erfreut als verblüfft
sein wird.
Darf
man einem Weibe sagen, sie sei eine Hexe, auch wenn sie dies
ist? Nein. Aber wenn man die Worte anwendet: "Ihrem Dialekt
nach zu urtheilen, sind Sie in der Nähe des Blocksberges
zu Hause," so kann diese Grobheit sogar sehr harmlos
und freundlich klingen.
Aber
das soll nur eine Anregung sein, Jeder wird meinen Plan weiter
ausbauen und so zur Renaissance des guten Tons beitragen können.
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von Julius Stettenheim
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