Recht
viel Pech
wünsche ich Ihnen zum neuen Jahre.
Eine wenigstens originelle Punsch-Rede.
Geehrte
weibliche, männliche und kindische Mitmenschen!
Noch
10 Minuten, und die Zeit, diese unnachsichtige Riffpiratin
unserer Jugend, unserer dunklen Haare, unserer Gesichtsglätte,
unseres Leichtsinns und unserer Liebenswürdigkeit, preßt
abermals ein Jahr in die ungeheuere Terrine, welche man Vergangenheit,
Ewigkeit nennt.
Ich
gebe 10,000 Bowlen Punsch Demjenigen, der mir beweist, daß
es besser sei, sich Glück, als Unglück zu wünschen.
Im Gegentheil, möchte ich in allen lebenden, todten und
sterbenden Sprachen behaupten, daß, da die Wünsche
so selten oder gar nicht in Erfüllung gehen, es viel
vernünftiger wäre, man wünschte sich Unglück,
Miseren, Unangenehmes. Pech!
Sie
sind entsetzt? Sie stellen sich entstellt? Sie spitzen Ihre
Ohren zu Dolchen? Hören Sie mich an.
Man
sollte meinen, es könne gar nichts anderes folgen, als
ein glückliches, angenehmes, freudenvolles Jahr, wenn
jeder Mensch, der einem am 31. December oder am 1. Januar
begegnet und der uns vielleicht einmal im Leben gekannt, sich
mit uns gestritten, geküßt, betrunken, uns mehrere
unfrankirte Briefe geschrieben, die Stiefel geputzt oder mehrere
Dutzend starker, halbstarker oder leichter Cigarren verkauft
hat, unsere Hand für vogelfrei erklärt, sie hinterrücks
packt, schüttelt, daß alle zarten Knochen darin
knacken, und uns dabei die gröbsten Gratulationen und
Glückwünsche ins Gesicht sagt, ich meine, man müßte
meinen: Nun muß es ja ein famoses Jahr geben!
Ach,
weit gefehlt! Ist denn nicht jedem Menschen ungezählte
(aber nicht immer ungezahlte) Male Glück gewünscht,
der trotzdem sich im Laufe des Jahres verheirathete, oder
verlobte, der stolperte, einen reichen Onkel beerben wollte,
welcher aber am Ende des Jahres noch in voller Blüthe
der Gesundheit lebte, bestohlen wurde, bei einem zärtlichen
tete-à-tete überrascht worden, schlechte Geschäfte
machte, Geld verlor auf dem Grünen des Billards oder
des Rouletts, der den Advokaten und Arzt auf die Tasche und
den Hals bekam, vor Tisch sich die Pastrana ansah, ein Verhältniß
mit einer Tänzerin einging, krank, oder Armenvorsteher
wurde, Kinder, Proteste, Hühneraugen, Prozesse bekam?
Sie
meine Geehrten, frage ich: Kann, da also ein Glückwunsch
durchaus nichts nützt, ein Wunsch schaden, welcher lautet:
Zum neuen Jahre wünsche ich Ihnen recht viel Pech?
Die
Sylvesternacht sieht ja doch die Wünsche nicht erfüllt,
welche uns in Erfüllung gehen sollten. Denn nur beim
Punsch haben wir freie Presse, nur bei den Gläsern Leerfreiheit,
nur für Wasser, Zucker und Rum haben wir freies Versammlungsrecht,
nur beim Abendessen freie Wahl des Gerichts, und nur in unserer
hoffentlich bald anbrechenden Trunkenheit fällt der Unterschied
der Stände. Noch einmal also: Zum neuen Jahre wünsche
ich Ihnen recht viel Pech!
Ja,
meine seligen Sylvesternachwächter, auf meinen Stuhl
und meine langjährigen Erfahrungen gestützt, hebe
ich mit diesem vollen, dampfenden Glase den herkömmlichen
Gebrauch des Glückwunsches auf und hoffe, mit Ihnen auf
recht viel Pech anstoßend, nicht das Pech zu haben,
Anstoß zu erregen. Haben wir Pech, so hätte mein
Glückwunsch ohnehin nichts daran geändert, und haben
wir Glück, so habe ich gewiß Recht und das Neue
hat sich bewährt.
Also
auf Pech! Schwören wir nicht mehr auf Ehre, auf Jockey,
auf Taille, auf Pastrana, auf Prinz Colibri, auf Vampyr, auf
Fiammina, auf Pepita, sondern auf Pech. Dann ärgern Sie
sich auch nicht, wenn Sie, wie gewöhnlich, am Ende des
Jahres sagen: Ich bin und bleibe doch ein Pechvogel.
Hören
Sie, wie die Uhr, welche, wie alle weiblichen Wesen nicht
schweigen kann, das große, ihr anvertraute Geheimniß
des Jahreswechsels ausplaudert! Lehren Sie Ihr Glas die Kunst,
es mit einem Zuge zu leeren und sein Sie zufrieden mit meinem
gutgemeinten: Zum neuen Jahre wünsche ich Ihnen recht
viel Pech!
Wenn
Ihnen meine Rede weniger mundete, als der Punsch, so hätte
ich allerdings von uns Allen -- das erste Pech im Jahre 1858!
Julius
Stettenheim |
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