Das
gerechte Orchester
Der
Dirigent legte entnervt seinen Taktstock auf das Pult: "Was
ist heute nur los? Egal, was ich versuche, es funktioniert
nicht!"
Das
Orchester schwieg, aber es war ein Schweigen, das wie ein
anhebendes Murren klang.
"Ich
möchte wissen, woran es liegt!"
Endlich
wagte sich einer der Cellisten vor: "An der großen
Ungerechtigkeit."
Der
Dirigent war verdutzt. "An der großen Ungerechtigkeit?"
"Ja",
antwortete der Cellist: "Wenn wir gut musizieren sollen,
dann müssen wir alle die gleichen Chancen haben, unsere
Talente zu entfalten."
Zustimmung
von Seiten der Streicher.
"Aber
das will ich doch auch", entgegnete der Dirigent: "Jeder
kann doch gerne versuchen, das Beste aus seinem Instrument
herauszuholen. Nichts ist mir lieber als das!"
"Aber
--", meldete sich nun einer der Bratschisten zu Wort:
"Aber um aus unseren Instrumenten das Beste herauszuholen,
dazu müssen wir die gleichen Mittel haben. Es kann doch
nicht sein, dass wir uns mit vier Saiten abmühen müssen,
und die Harfe hat, wer weiss wieviele."
Halblaute
Zwischenrufe von den Streichern "Endlich sagt hier jemand,
was Sache ist" und beifälliges Klappern mit den
Bögen.
Der
angegriffene Harfenist stand nun auf und wandte sich an das
Orchester.
"Kollegen,
Ihr kennt mich als einen Menschen mit einem großen Gerechtigkeitssinn.
Und mich hat das auch schon alles sehr lange gestört.
Meint Ihr, ich fände es schön, die Streicher sich
herumplagen zu sehen, und selbst aus dem Vollen schöpfen
zu können? Wenn es nach mir ginge, sollte dieser unwürdige
Zustand so schnell wie möglich beendet werden."
Damit
schienen die Streicher nicht gerechnet zu haben.
"Warum
hast Du uns dann nicht schon längst von Deinen vielen
Saiten abgegeben? Wir hätten alle fünf Saiten haben
können, was uns zwanzig, ja fünfundzwanzig Prozent
unserer Arbeit erspart hätte. Du bist ein Heuchler."
"Bin
ich nicht!" wehrte sich der Harfenist: "Das wäre
nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Versteht mich
nicht falsch. Ich bin nicht dagegen, die kleinen Ungerechtigkeiten
auszugleichen. Aber zuerst müssen die großen beseitigt
werden. Der Pianist sitzt auf Bergen von Saiten und drückt
sich jetzt schön stille zur Seite, damit ihr ihn überseht.
Man darf nicht die Kleinen hängen und die Großen
laufen lassen."
"Wo
er recht hat, hat er recht", schallte es da fast unisono
aus Richtung der Streicher: "Wir müssen dem Piano
seine Saiten wegnehmen, von denen in jedem Moment auch noch
die meisten brachliegen. Was für eine unglaubliche Verschwendung
das ist!"
Der
Pianist wusste zuerst nicht, was er auf diese Attacke antworten
sollte. Aber dann fasste er sich.
"Auch
ich bin doch für Gerechtigkeit, Freunde! Ihr ahnt gar
nicht, wie sehr es mir zugesetzt hat, in meinen unberechtigten
Vorteilen zu schwelgen. Aber ich sehe das alles von einer
höheren Warte: Es hat keinen Zweck nur meine Saiten den
Streichern abzutreten, wenn es hier Menschen gibt, denen es
noch viel schlechter geht. Wie oft hat es mir das Herz gebrochen,
die Bläser ihr Tagwerk ohne eine einzige Saite bestreiten
zu sehen! Auch wenn jeder Streicher sechs, ja sieben Saiten
sein eigen nennen könnte, wäre es doch in höchstem
Maße ungerecht. Und deshalb bin ich gegen Euren Vorschlag,
weil ich mit den untersten Klassen unseres Orchesters fühle,
nicht weil ich mich an meinen Reichtum klammere, der mir auch
nach meiner Ansicht nicht zusteht."
"Das
genügt nicht", fuhr nun ein Klarinettist dazwischen:
"Ich habe nur ein Blatt, der Oboist zwei! Und Ihr wundert
Euch, wieso ich immer zu spät mit meinen Melodien fertig
werde. Die Verhältnisse zwingen mich dazu."
"Frechheit,
unglaubliche Frechheit", konnten sich da die Trompeter
nicht halten: "Wir müssen ganz ohne Blätter
und Saiten leben. Was das für ein Los ist, könnt
Ihr Euch in Eurem Wohlleben gar nicht vorstellen. Und überhaupt
seid Ihr Streicher selbst die größten Heuchler,
die es gibt. Schaut Euch doch bloß einmal Eure Instrumente
an. Hier der riesige Kontrabass und da das kleine Cello. Und
dann diese Zweiklassengesellschaft mit ersten und zweiten
Geigen. Schöne Gerechtigkeit!"
"Selbst
Heuchler, Du mit Deinem vielen Blech", bellte ihn der
Flötist mit hochrotem Kopf an: "Und erst die Posaunen.
Von den Tubas will ich gar nicht sprechen."
An
dieser Stelle wurde es dem Dirigenten zu bunt: "Liebe
Leute, ich habe nur diesen Taktstock. Wenn einer benachteiligt
ist, dann bin ich das wohl."
"Aber
Du hast die Partitur, und wir nur diese und jene Noten",
gellte es ihm aus dem versammelten Orchester entgegen: "Das
ist wohl die größte Ungerechtigkeit überhaupt!"
Großer
Tumult mit kaum verständlichen Rufen "Blech hat
von Natur aus einen ungerechten Vorteil gegenüber Holz"
und "Vergesst den Paukisten nicht mit seinem Monopol
auf Felle".
Schließlich
hatte der Dirigent die rettende Idee, um die so dringend gebotene
Gerechtigkeit herzustellen. Er ließ sich von den Bühnenarbeitern
Äxte und Kreissägen kommen und zersägte und
zerschlug damit eigenhändig alle Instrumente in gleich
große Stücke, die er den Musikern dann ganz gerecht
abgezirkelt wieder austeilte.
"Können
wir jetzt bitte anfangen?"
Henning
Helmhusen
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