Nieder
das Kapital!
von
Julius Stettenheim (1896)
Die
Versammlung war nun vollständig, nachdem mehrere Mitglieder
derselben theils wegen zu mangelhafter Nüchternheit,
theils wegen des Verdachts, dem verachteten Stande der Hauswirthe
anzugehören, hinausgeworfen worden waren. Das Wort "hinausgeworfen"
muß dahin abgemildert werden, daß die Männer
zur Thüre geleitet wurden, was eigentlich dasselbe war,
aber in den über diese Verhandlungen veröffentlichten
Zeitungsberichten einen angenehmeren Eindruck machte, wenn
auch nicht auf die betreffenden nicht ungeleitet aus dem Saal
entfernten Volksmänner.
Denn
diesen that meist immer noch Manches weh, woraus zur Evidenz
hervorgeht, daß das Hinauswerfen und das Geleit zur
Thür sich auch darin vollkommen glichen, daß sie
von zielbewußten Fäusten zur Ausführung gelangten.
Ich will damit nur oberflächlich, wie dies ja auch die
ernsten Folgen der unsanften Entfernung waren, andeuten, daß
die Männer, welche zu den betreffenden Versammlungen
zusammenzutreten pflegten, sich in einer ziemlich gereizten
Stimmung befanden. Und dies war begreiflich.
Denn
der Gegenstand der Tagesordnung, welcher auch heute wieder
einen kolossalen Andrang zu dem Versammlungslokal hervorgerufen
hatte, harrte schon seit Jahren der Erledigung. Immer wieder
war er zur Debatte gestellt, immer wieder hatten die Besten
des Bezirks erschöpfend an ihm herumgesprochen, immer
wieder waren solche dieser Besten, welche sich freventlich
zu einer anderen Meinung ermannt hatten, zur Thür geleitet,
immer wieder war eine Resolution gefaßt worden, durch
welche die im Saal des "Blauen Elephanten" versammelten
Männer einstimmig die Herrschaft des Kapitals verwarfen,
und noch immer herrschte das doch so deutlich und so ermüdend
oft des Thrones verlustig erklärte Kapital.
Das
macht nervös, und diese Männer machte es nervöser
als die Kapitalisten, welche sich allmälig derart daran
gewöhnt hatten, für ihren Besitz zu zittern, daß
sie es selbst kaum noch bemerkten. Wenigstens machten sie
diesen Eindruck auf Jeden, der sie sah, so daß seit
Jahren Niemand einen Kapitalisten zu Gesicht bekommen hatte,
welcher augenscheinlich zitterte. Freilich war der Begriff
Kapitalist noch nicht ganz klargestellt. Wer war denn des
Kapitals verdächtig? Wer hatte das compromittirende Gerücht,
Kapitalist zu sein, so auf sich gelenkt, daß ihm das
Vergehen nachgewiesen werden konnte? Wem stand denn das goldene
Kalb an der Stirn geschrieben?
Die
Männer, welche nun schon seit vielen, vielen Jahren das
Kapital und seine Herrschaft aus der Welt schaffen wollten,
hatten noch nicht Zeit gefunden, klipp und klar zu erklären,
wen sie für einen Kapitalisten hielten. Der scharfe Beobachter
merkte nur, daß sie Jeden für einen Kapitalisten
erklärten, der sich ihrem Kampf gegen das Kapital nicht
angeschlossen hatte. Das war auch ziemlich richtig vermuthet.
Wer eine Familie oder sich allein zu ernähren und deshalb
keine Zeit hatte, an den Säulen der Kapitalsherrschaft
zu rütteln, wurde Kapitalist gescholten und war dem bitteren
Vorwurf ausgesetzt, sich vom Schweiß der Enterbten zu
mästen.
So
galten namentlich die Beamten der Post des Städtchens,
welche Abends zu müde waren, um Resolutionen zu beschließen,
oder die unter scharfer Kontrole der Oberpostbehörde
standen, für Kapitalisten, obschon sie absolut nicht
daran dachten, der tropfbarflüssigen Hautausdünstung
besagter Enterbten irgend einen Mastkurerfolg zuzuschreiben,
oder auch nur Gelegenheit hatten, solche zu erproben. Auch
die noch schulpflichtigen, oder als Lehrlinge wirkenden jungen
Leute, die den Besitz eines Hausschlüssels noch als das
Begehrens- und Erstrebenswertheste betrachteten und bis auf
Weiteres nicht nach zehn Uhr Abends außer dem Hause
ihrer Eltern und Lehrmeister sein durften und daher noch nicht
an den Bestrebungen der Kapitalsgegner theilnehmen konnten,
mußten es sich gefallen lassen, mit den Nabobs in einen
goldenen Topf geworfen zu werden. In dieses kostbare Geschirr
mußte ihnen Jeder nachfolgen, der einen anständigen
Rock trug, eine nasenfreundliche Cigarre rauchte und eine
Wohnung mit separatem Eingang innehatte.
Der
Saal des "Blauen Elephanten" -- Elephanten sind
ja nicht blau, und dennoch hieß das Etablissement Blauer
Elephant, weil der Wirth eines Tages das schadhaft gewordene
Bild des Dickhäuters auf seinem Schild mit blauer Farbe,
die er zufällig besaß, zu einem naturwissenschaftlich
unglaublichen Thier restauriert hatte, -- der Saal des Rüsselbläulings
war so überfüllt, daß keines der Seidel, die
auf den Tischen vor der Rednertribüne voll und leer umherstanden,
zur Erde fallen konnte. Die Mitglieder des Vereins "Weltreform",
zu welchem sich der ehemalige Kegelklub des Städtchens
herausgebildet hatte, waren bis auf Wenige, welche sich durch
Untersuchungshaft für entschuldigt halten mußten,
sämmtlich erschienen.
Eben
war mit Anderen auch der Berichterstatter des Kreisblattes
unter dem unberechtigten Vorwurf, die Reden der Hauptredner
in feindseligem Sinne wiederzugeben, halb zur Thür geleitet
und halb hinausgeworfen worden, als der Leiter der Versammlung,
ein unbedingt handfest aussehender früherer Tischlergeselle,
nach mehrmaligen Klingeln, sodaß die anwesenden Kellner
fortwährend "Gleich!" riefen und die Servietten
schwangen, eröffnet worden. Dieser Präsident übertönte
mit einem sonoren Baß, der in der Tiefe das "Doch"
des Sarastro mühelos erreichte, den noch immer tobenden
Lärm und ließ die Versammlung durch den mächtigen
Cigarrendampf in die bewährte Tagesordnung eintreten.
Dieselbe
lautete: "Die Sünden des Kapitals", und der
Präsident erläuterte kurz die Bedeutung derselben.
Immer grauenvoller, so erklärte er, wüthe die Pest,
welche er das gelbe Goldfieber nennen möchte. (Sehr richtig!)
Dem Verderben Einhalt zu gebieten, müsse das Bestreben
der Besten des Volks sein (anhaltender Beifall), und so sei
denn auch die Versammlung anberaumt, um der blutigen Herrschaft
des Kapitals (Pfui!) endlich den Boden abzugraben. Er wisse
wohl, daß dies gewissen Leuten keine angenehme Augenweide
biete (Heiterkeit), und er wisse ferner, daß sich die
Heilung der vorhandenen wirthschaftlichen Schäden nicht
über das Knie brechen ließe, (Oho! Unruhe. Glocke
des Präsidenten) aber das dürfe die Mitglieder der
"Weltreform" keinenfalls abhalten, immer und immer
wieder die Abschaffung des mörderischen Kapitals zu erstreben.
(Donnernder Beifall.) Nun ertheilte er das Wort dem Genossen
Bummelmann.
Genosse
Bummelmann, früher Kassenbote und durch unaufgeklärt
gebliebene Additionsfehler in die behagliche Stellung eines
Schankwirths gedrängt, trinkt rasch sein Bier aus und
bricht sich Bahn an das Rednerpult. Er ist ein Mann in den
besten Jahren und macht keinen Anspruch darauf, vertrauenserweckend
auszusehen. Dagegen macht er den Eindruck, daß man nicht
in ernste Differenzen mit ihm gerathen möchte. Ferner
genießt er, seit er, schwerer Körperverletzung
angeklagt und wegen mangelnder Beweise freigesprochen, allgemeine
Achtung.
"Genossen,"
ruft er, "wo war ich doch das letzte Mal stehen geblieben?
Richtig, bei den Mitteln, mit denen wir dem Kapital auf die
Bude rücken müssen. Müssen! Haben Sie mich
verstanden, Genossen? (Ja! Nein!) Denn es geht nicht länger
so weiter. Daß das Kapital abgeschafft werden muß,
darüber sind wir uns ja einig, und das ist auch bereits
beschlossen, und so wollen wir denn den alten Kohl nicht nochmals
aufwärmen. Dadurch wird er ja auch nicht besser, oder
fetter, oder sonst was. (Bravo!) Alter Kohl bleibt alter Kohl.
(Sehr richtig!) Das Kapital ist die Reblaus in unserem Weinberg.
Raus also mit dem verderblichen Insekt! (Rufe: Raus!) Wenn
wir das Kapital fest anfassen, dann können es alle Gänse
der Welt nicht retten. (Anhaltender Beifall.Ein
Anwesender ruft: Capitol! und wird zur Thür begleitet.)
Genossen!
Eins der sichersten Mittel, das Kapital endlich unschädlich
zu machen, ist die Abschaffung des Erbrechts. (Jubel.) Was
ist das Erbrecht? Erbrecht ist, daß Jemand Millionen
ansammelt, dann in seinem seidenen Bett und zwischen elektrischen
Flammen stirbt und nun den ganzen Raub an die Erben fallen
läßt, damit diese sich in den Kassenscheinen, Hypotheken,
Wechseln und Baarbeständen herumwälzen. (Hört!
Hört!) Da verlange ich denn, daß alle Erbschaften,
besonders die großen, an den Zukunftsstaat fallen und
an die von dem Erblasser bestohlenen Proletarier zurückbezahlt
werden sollen. (Anhaltender Beifall.) Ja, Genossen, zurückbezahlt,
denn die Reichen erben unser Geld, unsere wohlerworbenen,
durch harte Arbeit geschafften Millionen. (Sehr wahr!) Wir
müssen also nicht bloß immer rufen: Nieder das
Kapital! sondern auch: Nieder das Erb--"
Genosse
Bummelmann wir hier leider unterbrochen, indem seine Frau
im Saal erschienen ist und sich nun als eine überaus
robuste Lebensgefährtin durch die Menge eine Gasse bahnt,
unbekümmert um das Schelten der zur Seite gequetschten
Bürger des Zukunftsstaates.
Jetzt
steht Frau Bummelmann neben ihrem Gatten, dem sie zuflüstert:
"Denk' Dir bloß das Glück, Willem, wir haben
ein Zehntel vom großen Loos gewonnen."
Der
unterbrochene Redner wankt einen Augenblick, dann sagt er:
"Donnerwetter, aber rede doch leise, Rieke, sonst werden
wir ja furchtbar angepumpt. Wie viel macht es denn?"
"Ueber
vierzig Tausend Mark!" antwortet ihm die athemlose Gattin.
"Na
schön," sagt Bummelmann, "ich komme gleich
mit nach Hause." Dann wendet er sich in seiner Eigenschaft
als Genosse wieder an die durch den Zwischenfall sehr unruhig
gewordene Versammlung, welche Zeugin einer häuslichen
Scene zu sein glaubte, indem sie annahm, der Genosse werde
von seiner Frau wegen seines Herumtreibens in den Versammlungen
zur Rede gestellt. Und schon hört man rufen: "Pantoffelknecht!
Ehesklave! Pfui!" als Herr Bummelmann wieder das Wort
ergreift.
"Genossen!
Seien Sie nicht böse, mein Kind ist krank, und ich soll
nach Hause kommen. Ich will also nur noch hinzufügen:
Natürlich ist es leicht gesagt: Nieder das Kapital! Nieder
das Erbrecht! Aber ist es auch gerecht? Nein! (Oho!) Nein,
Genossen, ohoen Sie, soviel Sie wollen, gerecht ist es nicht,
es ist dumm. (Tumult.) Denn wenn ich etwas Geld besitze und
es kommt so ein Faulenzer und sagt: "Her damit!"
oder sagt zu meiner Frau und zu meinem kranken Kind, wenn
ich gestorben bin: "Her damit!" dem werde ich mir
erlauben, eins auf den Kopf zu geben und dann wird ihm das
Her damit! schon vergehen. (Neuer Tumult. Rufe: Raus! Raus!)
Ich gehe gleich, Genossen, aber was mein ist, das ist mein,
sonst muß ich verhungern, und ohne Kapital kein Leben,
keine Industrie, Nichts! Wer das bestreitet, der ist ein --"
Augenscheinlich
will kein Mitglied der Versammlung wissen, was er ist, und
sei dies auch die Auskunft eines so verehrten Genossen, wie
des Herrn Bummelmann, der unter den immer stärker werdenden
Rufen: Raus! Raus! mir seiner Gattin den Saal des "Blauen
Elephanten" verläßt.
Und
als das glückliche Paar den Saal längst verlassen
hatte, tobte daselbst immer noch das "Raus!" der
entrüsteten Genossen und die Glocke des Präsidenten.
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von Julius Stettenheim
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