Das
Elend der Krawatte und seine Überwindung
Henning
Helmhusen
Wer
wie ich zu seinem bürgerlichen Broterwerb einer Karriere
als Maler, Musiker oder Lyriker, kurzum als Bohemien nachstrebt,
wird wissen, was ich mit dem "Elend der Krawatte"
meine.
Nein,
natürlich nicht, was der Student in seine sorgenvolle
Frage "Und Sie müssen wirklich jeden Tag einen Schlips
tragen?" hineinlegt und sich sodann selbst mit der Bemerkung
ausredet: "Das könnte ich nicht!" Das ist wirklich
nicht, was ich damit sagen will.
In
keiner Weise möchte ich nämlich das Tragen einer
Krawatte schlecht machen und jenem so außerordentlich
nützlichen Kleidungsstück sein Daseinsrecht absprechen.
Schließlich hat es dazu viel zu viele Vorteile, von
denen ich an dieser Stelle, um den Leser nicht versehentlich
zu langweilen, die wichtigsten ganz vorsätzlich aufzählen
will.
An
Örtlichkeiten, deren Publikum sich auf seine Eingeweihtheit
etwas einbildet, hält das schlanke Halstuch einem vortrefflich
jene vom Leib, die den auf solche Weise gut kenntlichen "Spießer"
mit der Haltung zurückweisen, die den wahren Spießer
ausmacht: Alle ablehnen, die nicht genau wie man selber sind.
Eine
andere überaus segensreiche Wirkung entfaltet die Krawatte
in tanzgewerblichen Betrieben, in welchen sich Menschen zusammenfinden,
die auf das angestrengteste darauf bedacht sind, um es vornehm
auszudrücken, einem weiblichen Borstenvieh den Weg ins
Freie zu bahnen.
Im
Nu fliegen einem dort nämlich die Hände einer galanten
Dame an den Knoten, die mit zackigem Ton befiehlt, man solle
sich endlich locker machen. Ansonsten könne man alle
Chancen abschreiben, jemals mit dem anderen Geschlecht in
Kontakt zu kommen. Das anschließende Gespräch dauert
dann meist sehr lange.
Und
schließlich möchte ich so manchem Künstler
den länglichen Streifen wärmsten vors Herz legen.
Ein wenig Würde kann ja niemals schaden, wenn er wieder
einmal über das Unverständnis des "bürgerlichen
Publikums" lamentiert, das nur dem Geld nachjagt und
darüber ganz vergißt, es seinem kreativen Genie
hinterherzuwerfen, welches sich den ganzen Tag krummlegt,
die Mittel für einen angenehmen Lebenswandel zu verschaffen.
Schreiten
wir nun also endlich zum wahren "Elend der Krawatte".
Unter der Lupe besehen, entpuppt sich dieses gar nicht als
ein einziges Elend, sondern vielmehr als eine Reihe kleiner
Elende, die sich zu einem großen zusammenfügen.
Das
erste von diesen kommt dabei gleich am Anfang: beim Binden.
Mit etwas Übung ist es ja keine Kunst, eine Krawatte
auf richtige Länge zu bringen. Doch muß es einmal
schnell gehen, erweist der Halsschmuck sich als überaus
widerspenstig. Und nur mit großen Mühen gelingt
es, das erstrebte Ziel einzukreisen zwischen einem um den
Hals gebundenen Lendenschurz und einer Anspielung auf Oliver
Hardy, die immerhin den Nabel bedeckt.
Als
nicht minder vertrackt ist dem Kenner die Wahl der passenden
Krawatte bekannt, was logisch dem vorhergehenden Fall sogar
noch vorausgeht, sich aber meist erst hinterher erweist. Denn
mit großer Berechenbarkeit findet sich das stimmige
Hemd in der abgelegten Wäsche oder das greifbare Hemd
harmoniert mit einer Krawatte, von deren Existenz man zwar
weiß, welche man aber partout nicht finden kann.
Und
so geht es weiter in diesem Jammertal. Selbst eine kaum merkliche
Brise bringt den sensiblen Schlips dazu, sich auf dem Rücken
zu verstecken, während er im Auto den Sicherheitsgurten
mißtraut und sich zusätzlichen Halt durch Einklemmen
in der Türe zu verschaffen sucht.
Ja,
wenn es das nur wäre! Denn all dies ist noch gar nichts,
wenn man für einen Moment der Fähigkeiten einer
Krawatte im Angesicht von Speisen, insbesondere Suppen, gedenkt.
Von den Physikern bislang weitgehend unbeachtet, verfügt
das Halsgebinde nämlich über ganz erstaunliche Naturkräfte.
Ohne
das geringste Zutun oder sonstigen Anlaß zieht er sich
an seinem Knoten in die Mitte von Tellern, schwingt zielsicher
gegen das Besteck und vermag im Gegenzug auch die entferntesten
Tropfen zu sich zu lenken. Und so endet manches Menu mit einer
detaillierten Zusammenfassung der Gänge, die dem Träger
durch eine Krümmung des Raumes stets zu entgehen pflegt.
Nachdem
ich soweit das "Elend der Krawatte" nur umrißhaft
dem Leser nahegebracht habe, steht nun die Frage im Raum,
ob damit nicht doch etwa die obengenannten großen Vorteile
zunichte gemacht werden und der Mann von Welt am Hals unbekleidet
in sein Leben treten sollte.
Ihr,
die ihr umbindet, laßt nicht alle Hoffnung fahren! Denn
zu unserem Glück haben seit undenklichen Zeiten die Besten
aller Völker auf Abhilfe gesonnen, um der Krawatte ihr
Elend auszutreiben. Viele von diesen Versuchen verdienen hierbei
allerdings nur das Prädikat "gut gemeint".
Und so ist es erst unserer Zeit vergönnt, der Lösung
des großen Welträtsels teilhaftig zu werden.
Bevor
ich den Leser jedoch diesen Sieg der Wissenschaft vorstelle,
möchte ich die Spannung steigern durch einen Exkurs über
ein Mittel, welches sich als ebenso jämmerlich wie untauglich
erwiesen hat: die Krawattennadel.
Die
Krawattennadel ist, philosophisch parliert, der Widerspruch
an oder für sich, denn sie zerstört so recht alles,
was den Schlips ausmacht, das behende, ja, ich möchte
sagen, freie Schwingen am Hals, in dem sich der dynamische
Herr der Welt offenbart. Im übrigen neigt dieser Halter
noch mehr als das Gehaltene dazu, seine eigenen Wege zu wandeln.
Von
daher hat die Krawattennadel ihre letzte Verwendung nur in
zwei Nischen gefunden: als verzweifeltes, aber hinreichend
teures Geschenk für beinah vergessene Hochzeitstage sowie
als Befreiungsschlag für viel zu jung zum Vater gewordene
Männer. Diese suchen mit derselben, zumeist in Tateinheit
mit dem Tragen eines Bartes und einer Weste, Frau und Nachwuchs
gegenüber von ihrem selbst noch kindischen Aussehen abzulenken.
Anders
gelagert, und offengestanden nur als ein weiterer Versuch
in Betracht kommend, um die Spannung aufzubauen, ist eine
Gepflogenheit, die dem Militär entsprungen ist und den
Vater aller Dinge wiederum als Versager kennzeichnet, nämlich
der Versuch, die Krawatte durch die Knöpfe des Hemdes
nach innen zu fädeln und derart zu bändigen.
Es
ist aber jetzt wirklich genug, und ich bin mir sicher, daß
ich den Leser in seiner Erwartung bis an die Grenzen des Erträglichen
getrieben habe, und dieser mich anflehen wird, endlich das
Mittel zur Abschaffung des "Elends der Krawatte"
zu eröffnen.
Das
erlösende Stichwort lautet "permanent tie"
und, was sich dahinter verbirgt, stammt ein weiteres Mal aus
dem Land der Sterne und Streifen, dessen erfindungsreiche
Bewohner der Welt noch manch andere praktische Erfindung geschenkt
haben.
Die
"permanent tie" wird dem glücklichen Besitzer
ein für alle Mal auf die Brust tätowiert und das
passende Hemd gleich dazu. Mit unterspritztem Silikon wird
obendrein die Illusion des ungebundenen Baumelns geschaffen.
Und so beendet dieses Wunderwerk der Technik auf einen Schlag
das "Elend der Krawatte", das die Menschheit so
lange geplagt hat.
Denn
die "permanent tie" hält stets adrett, in angemessener
Länge und mit unverwüstlichem Schwung ihre Stellung
und ist allzeit stilvoll abgestimmt. Nach Tisch genügt
ein dezentes Abtupfen mit dem Tischtuch, um sie in ihre natürliche
Pracht zurückzuversetzen. Und wenn es die "permanent
tie" nicht gäbe, dann müßte man sie erfinden.
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