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Die Graue Liste (Phrank)

Auszüge aus Kapitel 17 der "Säulenhalle"

Vorgestern war der langersehnte Freitag, an dem die öffentliche Wahlparty in der Mensa stattfand. In einem abgetrennten Bereich der Großküche zählten die Wahlhelfer die Stimmen zu den Studentenparlamentswahlen aus, und im großen Speisesaal hatten die einzelnen Hochschulgruppen entlang der Wände ihre Trutzburgen aus Stühlen und Eßtafeln errichtet. In der Mitte des Saals befand sich die Tanzfläche, die von den Diskjockeys der Antifaschistischen Liste mit Punk und revolutionärer Musik wie Ton, Steine, Scherben bedröhnt wurde. Auch das Monopol für den Getränkeverkauf gehörte der Antifa. Lila Latzhosenfrauen mit fettigen Rasenmäherfrisuren boten politisch korrektes und ökologisches Pinkus-Bier sowie fair gehandelten Kaffee aus Kuba nebst selbst verbrochenem Vollkornkuchen an.

Die Wahlleitung hatte unserer Grauen Liste einen Standort zwischen RCDS und Hennings Radikalliberalen zugewiesen, wo ich mit Babrak und unserem dritten Kandidaten Klaus nach dem Vorbild der anderen Gruppen eine kleine Festung aus Stühlen und Tischen errichtete. Auf dem Fronttisch zur Tanzfläche stellten wir Anschauungsmaterial wie Cherry-Coke-Dosen, Phone-Sprachführer, Aufkleber und einige Exemplare der Grauen Zeit aus. Für unsere Verpflegung hatte ich einen batteriebetriebenen Wasserkocher, löslichen Kaffee und Plastetassen mitgebracht. Babrak und Klaus kamen mit zwei Sixpacks Bier, Erdnußflips, Gummibärchen und Aldi-Kinderschokolade an.

Gegen neun Uhr abends war der Mensasaal bereits gut mit Hochschulpolitikern jeder Couleur gefüllt. Die meisten Gesichter kannte ich aus der offiziellen Wahlzeitung. Gäste, die nicht irgendeiner politischen Gruppe angehörten, fanden sich dagegen kaum, abgesehen von einigen bunten Punks, die jedesmal, wenn die Antifa ein etwas schnelleres Lied auflegte, die Tanzfläche stürmten und Pogo tanzten, wobei bevorzugt der Stand des RCDS angerempelt wurde. Die beigen Lodenmäntel der jungen Christdemokraten bestellten den Wahlleiter zu sich, der jedoch nur achselzuckend erklärte, das sei "halt so beim Pogo", und ungläubig fragte, ob denn der RCDS noch nie auf einem Punk-Konzert gewesen sei. Ingmar Güttes, der stellvertretende RCDS-Vorsitzende, verneinte, enthüllte aber, daß er mal einem Konzert der Dire Straits beigewohnt hatte. Kurz darauf erbettelte sich Ingmar bei uns einen Tisch, den er mit seinen Kollegen zur Verstärkung der RCDS-Trutzburg und als Schutz gegen marodierende Pogo-Punks in Stellung brachte. Schon beim nächsten Lied, es handelte sich um Kill the poor von den Dead Kennedys, stieß eine Punkerin sich mit der Hüfte an der Tischkante dieses Tisches und tat sich weh, woraufhin ein wütendes Gezeter gegen die RCDS-Christen einsetzte.

Die Stimmung auf dem Tanzparkett wurde aggressiver, der Pogo immer hef-tiger. Anfangs lief zwar vereinzelt auch Konsensmusik wie Culture Beat, DJ Bobo oder Kool and the Gang, doch tanzte darauf keiner, da die anderen Hochschüler einen zu engen Kontakt mit den Punks, welche die Tanzfläche nicht verließen, vermeiden wollten. Ob dieser fehlenden Begeisterung für normale Tanzmusik fühlte sich der Diskjockey jedoch dazu legitimiert, fast nur noch Punk, Heavy Metal oder Ton, Steine, Scherben aufzulegen. RCDS-ler und Liberale hatten anscheinend aus früheren Wahlfeten gelernt und sich mit Ohrenstöpseln versorgt. Für die meisten Anwesenden bedeuteten die kurzen Unterbrechungen, die immer dann stattfanden, wenn Teilergebnisse der einzelnen Urnen verlesen wurden, eine wahre Erlösung.

Das erste Ergebnis, es handelte sich um die Briefwahlurne, wurde gegen zehn Uhr verlesen. Der Wahlleiter trat ans Mikrophon: "Abgegebene Stimmen: Vierzig. Davon alle gültig, keine Enthaltung. Es entfielen auf die Graue Liste: Null Stimmen." Vereinzelter hämischer Beifall erscholl. "Auf die Schwul-Lesbische Liste: Null Stimmen." Enttäuschter Aufschrei bei einigen Tunten am Stand gegenüber. "Antifaschistische Liste: Zwei Stimmen." Großer Jubel bei den Punks auf der Tanzfläche, obwohl das gemessen am letztjährigen Endergebnis von zehn Prozent für die Antifa kein ermutigendes Ergebnis war. "Juso-Hochschulgruppe: Fünf." Keine besondere Reaktion. "KPD/ML: Fünf." Also umgerechnet sensationelle 12,5 Prozent für die Radikalliberalen. Ich schaute zu Henning am Nachbarstand herüber, der sich zwinkernd zu mir herüberbeugte und mir mit gedämpftem Ton mitteilte, er habe alle seine potentiellen Wähler Briefwahl beantragen lassen, um seine Partei wenigstens an einer Urne gut abschneiden zu lassen und um der Konkurrenz am Wahlabend einen kleinen Schrecken einzujagen.

Letzteres hatte Henning auf jeden Fall erreicht: Staunende und ungläubige Stöhngeräusche ließen sich bei Antifa, Grünen und bei der etablierten Liberalen Hochschulgruppe vernehmen. "Grüne Hochschulgruppe: sieben." Ein ungestümer Jubelsturm brach bei den Ökos aus, die sich vor allem darüber freuten, daß sie an dieser Urne die ungeliebten Jusos überrundet hatten. "Liberale Hochschulgruppe: Ebenfalls sieben." Das bedeutete keine Verän-derung gegenüber dem Vorjahr und dementsprechend auch keine besonderen Emotionen beim akademischen FDP-Nachwuchs. "Und diese Urne geht an den RCDS mit vierzehn Stimmen!" Aufgebrachte Buhrufe aller anderen Gruppen hinderten die christdemokratischen Lodenmäntel und Jurabräute nicht daran, aufzuspringen und sich so in die Arme zu fallen, als ob sie schon die ganze Wahl gewonnen hätten. Offenbar waren auch sie auf die Idee gekommen, ihre Mitglieder zur Briefwahl zu vergattern.

Kurz nach diesem ersten Ergebnis erschien Luise bei den Radikalliberalen, um Henning für seinen Briefwahlerfolg überschwenglich zu gratulieren. Sie schien sich aufrichtig für ihn zu freuen, und daß sie als ansonsten unpolitische Person, die sogar die Kandidatur meiner Grauen Liste unterstützt hatte, eigens zur Wahlparty gekommen war, um Henning moralischen Beistand zu leisten, deutete darauf hin, daß beide schon ziemlich eng miteinander befreundet waren. Ich beobachtete sie eine Weile und war zum ersten Mal nicht besonders eifersüchtig, wenn Luise sich mit einem anderen Mann abgab. Für mich schien dies das beruhigende Zeichen dafür zu sein, daß ich sie überstanden und verdaut hatte. Ein kleiner Rückfall drohte lediglich, als sie sich einmal von Henning trennte, um bei mir nach dem Stand der Dinge zu fragen und um mir ebenfalls viel Glück bei der Wahl zu wünschen. Ich versuchte, freundliche Unbefangenheit zu vermitteln, bedankte mich höflich und zeigte mich zuversichtlich, daß auch Hennings Partei ein großer Wahlerfolg beschieden sein würde.

Die nächsten vier der insgesamt fünfundzwanzig Urnenergebnisse waren für die Graue Liste überraschend vielversprechend, bei den Anglisten kam sie sogar auf fünf Prozent. Dort hatte Babrak nach eigenen Angaben per Edding intensive Wahlpropaganda auf den Toilettenwänden betrieben. Eifrige Wahlhelfer hatten eine erste Hochrechnung erstellt, derzufolge die Graue Liste mit zwei Prozent der Stimmen sogar einen Sitz im Studentenparlament zu erringen versprach. Jusos und Antifas hatten erhebliche Stimmeneinbußen zu erleiden, Schwule und Grüne legten dagegen ebenso wie die Radikalliberalen zu, die anderen Liberalen hatten leichte Verluste, und der RCDS konnte sein Vorjahresergebnis in etwa halten.

Unmittelbar nach der Verkündung dieser ersten Hochrechnung erschien Yvana an unserem Stand, jene Juso-Abgeordnete, die ich auf der letzten Sitzung des Studentenparlaments kennengelernt hatte, jene gutaussehende Serbin also, die ihre linken Pappenheimer mit flotten Emanzensprüchen auf Trab hält. Sie hatte ein tief ausgeschnittenes schwarzes Kleid an, über welches sie eine violette Strickjacke gehängt hatte. Sie blieb vor unserem Ausstellungstisch stehen, winkte mich heran und beugte sich zu mir herüber, um sich im Fetenlärm besser verständlich machen zu können. Ich beugte mich ebenfalls zu ihr hin, und sie fing an zu sprechen.

Unwillkürlich lugte ich in ihren Ausschnitt, in dem ihre drall zusammengepreßten Brüste ein tiefes dunkles und sinnliches Tal bildeten. Ausgerechnet in diesem Moment winkte sie mit einer flüchtigen Armbewegung jemandem zu, wobei sich zwischen ihrer Strickjacke und ihrer Haut ein genügend breiter Hohlraum bildete, um mich für den Bruchteil einer Sekunde ihre linke Brustwarze erspähen zu lassen, die sich über den Rand ihres eng anliegenden Wonderbras geschoben hatte. Sofort war es um mich geschehen, und ein bis dahin nie gekanntes Verlangen erfüllte all meine Sinne, eine Gier nach Yvana, die noch lange nachhalten sollte. Durch mein lustvolles Erschrecken hatte ich nicht verstanden, was sie von mir wollte, und ich bat sie, sich zu wiederholen. Sie teilte mir mit, daß nach ihren Berechnungen die Graue Liste das Zünglein an der Waage zwischen Rechten und Linken sein könnte und fragte mich, ob wir uns in einem solchen Fall an einer Koalition mit den Linken, also mit Jusos, Grünen, Schwulen und Antifas beteiligen würden.

Yvana Koalition Yvanas Koalitionsangebot

Ich sagte, das müßte ich erst mit meinen zwei Parteifreunden besprechen, und bat Yvana in unsere Trutzburg. Ich gab ihr die Hand, um ihr über den Tisch zu helfen, und sie meisterte die Hürde mit einem eleganten Schwung, ohne jedoch weitere Einsichten zu gewähren. Ich konnte an nichts anderes mehr als an ihre wunderschöne groschengroße Brustknospe denken und musterte verstohlen die Stelle auf ihrer Jacke, unter dem sich dieses Juwel verbarg. Ich beschloß auf der Stelle, mir Mut anzutrinken, Yvana kompromißlos den Hof zu machen und sie zu verführen. Sie fragte Babrak, wie es denn um eine Koalition mit den Linken bestellt sei. Babrak jedoch hatte nicht das gesehen, was ich gesehen hatte, und schloß eine solche Koalition kategorisch aus. Die Graue Liste sei parteipolitisch unabhängig und wolle die Macht mit keiner anderen Gruppe teilen, erst recht nicht mit den "Antifaschos", die er für einen Haufen von orientierungslosen und gewaltbereiten Desperados halte, die nur durch Zufall in ihrer Sozialisation keine Skinheads, sondern Anhänger des anderen Extrems geworden seien.

Yvana nickte verständnisvoll, meinte aber, man müsse diese antifaschistischen Kräfte in einer Koalition kanalisieren und für die linke Sache nutzbar machen. Babrak gab an, nicht unbedingt für irgendeine "linke Sache" kämpfen zu wollen, woraufhin Yvana sich wieder mir zuwandte. Ich erklärte ihr, daß die Graue Liste nur der Propagierung der Phone-Idee diene, daß Babrak und ich jedoch politisch gesehen unterschiedlicher Meinung seien. Im Gegensatz zu Babrak könne ich mir eine Koalition mit den Linken durchaus vorstellen. Falls ich der Kandidat der Grauen Liste mit den meisten Stimmen sein sollte und damit den Sitz im Studentenparlament bezöge, würde ich mich einer Koalition nicht verweigern.

Yvana nickte zufrieden, und ich bot ihr einen Kaffee an, was sie nicht ablehnte. Ich fragte nach ihren Studienfächern und erfuhr, daß sie im fünften Semester Sinologie studiert. Ich fragte sie über China, die Chinesen und die chinesische Sprache aus, und sie erging sich dankbar in längeren Vorträgen, denen ich allerdings nicht ganz folgte, da meine Gedanken immer noch an ihrer Brust hingen, die allmählich in meinem Kopf zum wunderbarsten und erotischsten wurde, was ich je gesehen hatte. Mir war natürlich klar, daß Yvana sich nur mit mir abgab, weil sie mich als potentiellen Koalitionspartner an sich binden wollte, und daß sie ihre scharfen weiblichen Waffen gezielt für ihren Machtpoker einsetzte. Vielleicht war auch der Einblick auf ihren verrutschten Büstenhalterrand geplant und vorher in mühevoller Fleißarbeit eingeübt worden. Doch angesichts ihres Körpers ließ ich mich allzu gerne mißbrauchen, und für eine Nacht mit ihr hätte ich mit so ziemlich jedem koaliert. Dieses sexuelle Verlangen hatte ich bei Luise nie verspürt, bei Luise war es eher die Illusion einer tieferen geistigen Übereinstimmung, die mich an sie fesselte. Natürlich ist auch Luise schön, aber ihre Schönheit ist schon fast zu unmenschlich und statuenhaft, als daß sie eine körperliche Begierde zu wecken imstande gewesen wäre. Yvana dagegen war ein Vollweib aus Fleisch und Blut, das den Mann und nicht den Götzendiener in mir weckte.

Yvana hatte sich neben mich auf die Tischkante gesetzt, und nach dem Kaffee plünderten wir Babraks Sixpack-Dosen. Irgendwie war sie vom Thema China weggekommen und erzählte nun von ihrer Heimat auf dem Amselfeld, wo sie als serbische Minderheitenfamilie unter Albanern aufgewachsen war. Da ich wußte, daß sie nicht gut auf Albaner zu sprechen war, warf ich ein, daß mir auf einer Demo von Kosovo-Albanern aufgefallen sei, wie häßlich diese Menschen seien. Dafür wurde ich von Yvana umgehend belohnt, indem sie ihre Hand auf meinen Oberschenkel legte und sie dort ruhen ließ. Ich hatte schon genug getrunken, um meinerseits meinen mit der Bierdose bewaffneten Arm um ihre Taille zu legen, woraufhin sie sich eng an mich schmiegte und ergänzte, daß die Albaner sie an Gremlins erinnerten. Dann wich sie mit ihrem Kopf ein wenig zurück, blickte mich mit ihren schönen langwimprigen Rehaugen an und fügte hinzu, daß man "dieses Pack mit Kind und Kegel ausrotten" müßte. Dann ließ sie ihre Lippen auf die meinen herabfallen, und ihre Zunge bohrte sich wild zuckend in meinen Mund, gleichzeitig rutschte ihre Hand von meinem Oberschenkel weg zu meiner sich steil aufbäumenden Männlichkeit, woraufhin ich mich bevollmächtigt fühlte, meine Hand von ihrer Taille zu ihrem Ausschnitt gleiten zu lassen, wo sie unter das Kleid rutschte und zart über die zuvor entdeckte Knospe strich.

Daß ich der Partner einer derart hinreißenden Frau bei einer solchen Pettingszene sein sollte, erschien mir so surreal, daß ich zwar meinem Verstand, nicht aber meinen Sinnen glauben konnte. Ich erlebte diese Situation wie ein unbeteiligter Dritter, wie ein Voyeur, der in Ermangelung eigener Chancen anderen bei der Liebe zuschauen muß. Später warf ich mir vor, diesen Augenblick nicht besser genossen zu haben, mich ihm nicht lustvoller hingegeben zu haben. Dafür genoß ich die Erinnerung daran umso mehr, und je öfter ich diese Minute Revue passieren ließ, desto verrückter wurde ich nach Yvana, desto unbändiger wurde das leidenschaftliche Verlangen nach körperlicher Vereinigung mit ihr.

Ich kann mit Sicherheit davon ausgehen, daß Yvana und ich in der besagten Minute nicht unbeobachtet blieben, obwohl der Tisch, auf dem wir uns um-schlangen, sich in einer dunklen Nische unserer Festung befand. Babrak kehrte uns zwar den Rücken und war in seine Schachpartie mit Klaus ver-tieft, aber diverse Leute auf der Tanzfläche waren bestimmt Zeuge unseres Tuns. Vielleicht hatten auch Luise und Henning etwas mitbekommen. Und warum dauerte das ganze nur eine Minute? Ich wollte Yvana gerade vorschlagen, die Wahlfete für eine Weile zu verlassen und zu mir zu gehen, da trat der Wahlleiter ans Mikrophon, um ein neues Urnenergebnis bekanntzugeben. Abrupt löste sich Yvana von meiner Umarmung und schritt zum Fronttisch unseres Standes, um das Ergebnis auf ihrem dort liegenden Urnenplan einzutragen. Es handelte sich um die Stimmen der Juristen. Der RCDS und die Liberalen waren hier zwar traditionell stark, doch die Jusos landeten mit 23% der Stimmen einen Überraschungserfolg und ließen Grüne, Schwule und Antifas zusammen weit hinter sich. Die Graue Liste bekam hier keine einzige Stimme, was die Erlangung eines Sitzes wieder recht unwahrscheinlich machte.

"Ich muß mal schnell zu meinen Jusos", sagte Yvana, ohne mich eines letzten Blickes zu würdigen, schwang sich über den Tisch und entschwand in der Menge. Zunächst war ich so naiv zu glauben, daß sie bald wiederkehren würde, doch auch nach einer halben Stunde hatte sie sich noch nicht zurückgemeldet, obwohl die Graue Liste nach der guten Cafeteria-Urne und einer weiteren Hochrechnung wieder einen Sitz sicher hatte. Nach etwa einer Stunde erschien sie auf der Tanzfläche und tanzte inmitten der Punkerschar auf das BVB-Lied von Ton, Steine, Scherben. Da mischte auch ich mich unter die Punks, um Yvana anzutanzen. Ich hielte ihr die Arme hin, sie ergriff einen, drehte sich einmal lachend um die Achse und ergriff dann einen anderen Arm, der einem violetten Irokesen gehörte. Als das Lied verschall, war auch Yvana wieder weg, und ich kehrte im Bewußtsein, mich auf der Tanzfläche blamiert und erniedrigt zu haben, zu meinem Stand zurück, wo mir Babrak einen verwunderten und fast vorwurfsvollen Blick zuwarf. Henning und Luise waren nicht mehr da und tauchten auch nicht mehr auf.

Bevor um zwei Uhr nachts das Endergebnis verkündet wurde, waren auch sämtliche RCDS-Leute verschwunden. Zunächst dachten Babrak und ich, daß diese Spießer unfähig waren, mal für einen Abend ihren Zapfenstreich zu verlängern, doch später wurde uns klar, daß sie gut daran getan hatten, so früh zu gehen.

Die Linken verloren insgesamt stark und verfehlten die absolute Mehrheit um einen Sitz. Starke Einbußen mußte vor allem die Antifa hinnehmen, welche vier ihrer ehemals neun Sitze verlor. Auch die Grünen verloren leicht, während Jusos und Schwule ihr Vorjahresergebnis halten konnten. Der RCDS gewann drei Sitze hinzu, die Liberale Hochschulgruppe verlor zwei Sitze an Hennings Radikalliberale. Und die Graue Liste gewann hun-dertundeinundfünfzig Stimmen und einen Sitz! Babrak, Klaus und ich machten zur Feier der Nacht unsere Cherry-Coke-Dosen auf.

Ich freute mich wohl am meisten, da die Graue Liste nun wirklich das Zünglein an der Waage werden konnte und ich deswegen fest mit einem weiteren Besuch Yvanas rechnete. Dieser blieb jedoch sehr zu meiner Verzweiflung aus. Ich nahm an, daß sie vom schlechten Abschneiden der Linken enttäuscht war und vorerst keine Lust auf einen zweiten weiblichen Koalitionsangriff hatte. Vor allem die Mitglieder der Antifaschistischen Liste machten lange Gesichter. Vor deren Stand hatten sich die Punks versammelt, einige von ihnen zerstampften wütend ihre leeren Bierdosen.

Es wurden nun die Einzelergebnisse der Kandidaten verlesen, die einen Sitz im Studentenparlament ergattert hatten. Das beste Ergebnis, nämlich 364 Stimmen, erreichte Yvana, die damit wesentlich zum guten Abschneiden der Jusos beigetragen hatte. Vermutlich hatte sie vor allem zahlreiche Männer durch ihr ansprechendes Foto in der offiziellen Wahlzeitung überzeugt, wo sie zwar keinen Ausschnitt trug, aber immerhin überaus verführerisch lächelte. "Für die Graue Liste kommt ins SP Phrank Lathe." Babrak und Klaus gratulierten mir, und ich stellte mir sofort voller Wonne die Koalitionsverhandlung mit Yvana vor, als aus der antifaschistischen Ecke der Ruf "Nazis raus!" ertönte.

Als hätten sie auf dieses Signal gewartet, bewegten sich drei Punks von der Tanzfläche auf uns zu und bauten sich in fest geschlossener Reihe vor unserem Stand auf. Der Leithammel und Wortführer dieser Gruppe stand in der Mitte und blitzte mich mit seinen wulstigen Pitbull-Augen an. Ich erwiderte seinen Blick, um nicht als Feigling dazustehen und fragte den Typen nach seinem Begehr. Er war im Gegensatz zu seinen Begleitern eher schmächtig, hatte eine schwarze Ledermütze mit einem aufgemalten roten Stern, ein Palästinensertuch, eine braune Lederjacke mit Nazis-Raus-Aufnäher und diversen antifaschistischen Buttons, eine mit Metallringen behängte Taille und eine enge rot-schwarz gestreifte Hose über den Springerstiefeln.

"Ihr Fascho-Schweine habt uns Linken die Stimmen geklaut." Ich gab zu bedenken, daß ich niemandem die Stimmen weggenommen hätte und daß für Stimmenwanderungen die Wähler selbst zuständig seien. Außerdem sei ich selbst ein Linker und würde mich selbstverständlich an einer Koalition gegen Rechts beteiligen. "Du ein Linker, daß ich nicht lache. Ihr seid doch nur aus Gag angetreten, und außerdem wissen wir, daß ihr alle Burschenschaftler seid." Ich sah den Punk streng an und erwiderte, das sei totaler Quatsch. Das überzeugte ihn aber nicht, er blickte noch strenger und mit spürbarem Haß in den Augen zurück und hob ruckartig unseren Tisch an, von welchem dann einige Zeitschriften, CDs und Flugblätter herunterflogen. Die beiden anderen Punks nahmen sich unsere Cherry-Coke-Dosen, öffneten sie und bespritzten uns mit dem kostbaren Naß. Babrak versuchte, die Situation mit Humor zu entschärfen und fragte mit gespielter Entrüstung, was die Graue Liste denn nun trinken solle. "Wir werden euer braunes Blut trinken", antwortete schlagfertig die Mischung aus Che Guevara und Arafat mit den Pitbull-Augen, um sich dann mit seinen zwei Kumpanen wieder zu entfernen.

Babrak und Klaus hielten nun den Zeitpunkt für gekommen, die Mensa zu verlassen. Ich versuchte, die beiden mit dem Einwand aufzuhalten, man solle sich nicht von diesen Schwachköpfen einschüchtern lassen, das hinterlasse keinen guten Eindruck. Doch die beiden hatten natürlich die besseren Argumente auf ihrer Seite, und so mußte ich mich fügen und mich der Hoffnung berauben, Yvana könne mich noch einmal beehren.

Wir suchten mein Wohnheim auf und setzten uns in die Gemeinschaftsküche, wo wir zwei Koreanerinnen kennenlernten, die frisch eingezogen waren. Wir leerten noch eine Flasche Reiswein sowie einige Gläser Pflaumenschnaps, aßen etwas Kimtschi und gingen dann unserer Wege. Ich konnte lange Zeit nicht einschlafen, da ich durch die zahlreichen Eindrücke des Abends sehr aufgewühlt war, vor allem natürlich durch meine Affäre mit Yvana. Ich versuchte, meine Gefühle für sie zu analysieren und sie mit meinen Gefühlen gegenüber anderen Frauen zu kontrastieren. Ich kam zum Schluß, daß meine Zuneigung zu Yvana auf purem Sex beruhte, konnte mir aber auch lebhaft vorstellen, mit anderen Frauen wie Luise oder der kalten Sophie intim zu sein. Offenbar hatte Yvana meinen aus Mangel an Gelegenheiten verschütteten Erostrieb geweckt, und dafür war ich ihr sehr dankbar. Der Gedanke an unseren Zungenkuß und meine Hand an ihrem Busen jagte mir jedes mal wohlige Schauer durch den Körper.

Kapitel 7: Lovemathics

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Luise Wahlparty
Luise freut sich für Henning

 

 

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