Die
Graue Liste (Phrank)
Auszüge
aus Kapitel 17 der "Säulenhalle"
Vorgestern
war der langersehnte Freitag, an dem die öffentliche
Wahlparty in der Mensa stattfand. In einem abgetrennten Bereich
der Großküche zählten die Wahlhelfer die Stimmen
zu den Studentenparlamentswahlen aus, und im großen
Speisesaal hatten die einzelnen Hochschulgruppen entlang der
Wände ihre Trutzburgen aus Stühlen und Eßtafeln
errichtet. In der Mitte des Saals befand sich die Tanzfläche,
die von den Diskjockeys der Antifaschistischen Liste mit Punk
und revolutionärer Musik wie Ton, Steine, Scherben bedröhnt
wurde. Auch das Monopol für den Getränkeverkauf
gehörte der Antifa. Lila Latzhosenfrauen mit fettigen
Rasenmäherfrisuren boten politisch korrektes und ökologisches
Pinkus-Bier sowie fair gehandelten Kaffee aus Kuba nebst selbst
verbrochenem Vollkornkuchen an.
Die Wahlleitung hatte unserer Grauen Liste einen Standort
zwischen RCDS und Hennings Radikalliberalen zugewiesen, wo
ich mit Babrak und unserem dritten Kandidaten Klaus nach dem
Vorbild der anderen Gruppen eine kleine Festung aus Stühlen
und Tischen errichtete. Auf dem Fronttisch zur Tanzfläche
stellten wir Anschauungsmaterial wie Cherry-Coke-Dosen, Phone-Sprachführer,
Aufkleber und einige Exemplare der Grauen Zeit aus. Für
unsere Verpflegung hatte ich einen batteriebetriebenen Wasserkocher,
löslichen Kaffee und Plastetassen mitgebracht. Babrak
und Klaus kamen mit zwei Sixpacks Bier, Erdnußflips,
Gummibärchen und Aldi-Kinderschokolade an.
Gegen neun Uhr abends war der Mensasaal bereits gut mit Hochschulpolitikern
jeder Couleur gefüllt. Die meisten Gesichter kannte ich
aus der offiziellen Wahlzeitung. Gäste, die nicht irgendeiner
politischen Gruppe angehörten, fanden sich dagegen kaum,
abgesehen von einigen bunten Punks, die jedesmal, wenn die
Antifa ein etwas schnelleres Lied auflegte, die Tanzfläche
stürmten und Pogo tanzten, wobei bevorzugt der Stand
des RCDS angerempelt wurde. Die beigen Lodenmäntel der
jungen Christdemokraten bestellten den Wahlleiter zu sich,
der jedoch nur achselzuckend erklärte, das sei "halt
so beim Pogo", und ungläubig fragte, ob denn der
RCDS noch nie auf einem Punk-Konzert gewesen sei. Ingmar Güttes,
der stellvertretende RCDS-Vorsitzende, verneinte, enthüllte
aber, daß er mal einem Konzert der Dire Straits beigewohnt
hatte. Kurz darauf erbettelte sich Ingmar bei uns einen Tisch,
den er mit seinen Kollegen zur Verstärkung der RCDS-Trutzburg
und als Schutz gegen marodierende Pogo-Punks in Stellung brachte.
Schon beim nächsten Lied, es handelte sich um Kill the
poor von den Dead Kennedys, stieß eine Punkerin sich
mit der Hüfte an der Tischkante dieses Tisches und tat
sich weh, woraufhin ein wütendes Gezeter gegen die RCDS-Christen
einsetzte.
Die Stimmung auf dem Tanzparkett wurde aggressiver, der Pogo
immer hef-tiger. Anfangs lief zwar vereinzelt auch Konsensmusik
wie Culture Beat, DJ Bobo oder Kool and the Gang, doch tanzte
darauf keiner, da die anderen Hochschüler einen zu engen
Kontakt mit den Punks, welche die Tanzfläche nicht verließen,
vermeiden wollten. Ob dieser fehlenden Begeisterung für
normale Tanzmusik fühlte sich der Diskjockey jedoch dazu
legitimiert, fast nur noch Punk, Heavy Metal oder Ton, Steine,
Scherben aufzulegen. RCDS-ler und Liberale hatten anscheinend
aus früheren Wahlfeten gelernt und sich mit Ohrenstöpseln
versorgt. Für die meisten Anwesenden bedeuteten die kurzen
Unterbrechungen, die immer dann stattfanden, wenn Teilergebnisse
der einzelnen Urnen verlesen wurden, eine wahre Erlösung.
Das erste Ergebnis, es handelte sich um die Briefwahlurne,
wurde gegen zehn Uhr verlesen. Der Wahlleiter trat ans Mikrophon:
"Abgegebene Stimmen: Vierzig. Davon alle gültig,
keine Enthaltung. Es entfielen auf die Graue Liste: Null Stimmen."
Vereinzelter hämischer Beifall erscholl. "Auf die
Schwul-Lesbische Liste: Null Stimmen." Enttäuschter
Aufschrei bei einigen Tunten am Stand gegenüber. "Antifaschistische
Liste: Zwei Stimmen." Großer Jubel bei den Punks
auf der Tanzfläche, obwohl das gemessen am letztjährigen
Endergebnis von zehn Prozent für die Antifa kein ermutigendes
Ergebnis war. "Juso-Hochschulgruppe: Fünf."
Keine besondere Reaktion. "KPD/ML: Fünf." Also
umgerechnet sensationelle 12,5 Prozent für die Radikalliberalen.
Ich schaute zu Henning am Nachbarstand herüber, der sich
zwinkernd zu mir herüberbeugte und mir mit gedämpftem
Ton mitteilte, er habe alle seine potentiellen Wähler
Briefwahl beantragen lassen, um seine Partei wenigstens an
einer Urne gut abschneiden zu lassen und um der Konkurrenz
am Wahlabend einen kleinen Schrecken einzujagen.
Letzteres hatte Henning auf jeden Fall erreicht: Staunende
und ungläubige Stöhngeräusche ließen
sich bei Antifa, Grünen und bei der etablierten Liberalen
Hochschulgruppe vernehmen. "Grüne Hochschulgruppe:
sieben." Ein ungestümer Jubelsturm brach bei den
Ökos aus, die sich vor allem darüber freuten, daß
sie an dieser Urne die ungeliebten Jusos überrundet hatten.
"Liberale Hochschulgruppe: Ebenfalls sieben." Das
bedeutete keine Verän-derung gegenüber dem Vorjahr
und dementsprechend auch keine besonderen Emotionen beim akademischen
FDP-Nachwuchs. "Und diese Urne geht an den RCDS mit vierzehn
Stimmen!" Aufgebrachte Buhrufe aller anderen Gruppen
hinderten die christdemokratischen Lodenmäntel und Jurabräute
nicht daran, aufzuspringen und sich so in die Arme zu fallen,
als ob sie schon die ganze Wahl gewonnen hätten. Offenbar
waren auch sie auf die Idee gekommen, ihre Mitglieder zur
Briefwahl zu vergattern.
Kurz nach diesem ersten Ergebnis erschien Luise bei den Radikalliberalen,
um Henning für seinen Briefwahlerfolg überschwenglich
zu gratulieren. Sie schien sich aufrichtig für ihn zu
freuen, und daß sie als ansonsten unpolitische Person,
die sogar die Kandidatur meiner Grauen Liste unterstützt
hatte, eigens zur Wahlparty gekommen war, um Henning moralischen
Beistand zu leisten, deutete darauf hin, daß beide schon
ziemlich eng miteinander befreundet waren. Ich beobachtete
sie eine Weile und war zum ersten Mal nicht besonders eifersüchtig,
wenn Luise sich mit einem anderen Mann abgab. Für mich
schien dies das beruhigende Zeichen dafür zu sein, daß
ich sie überstanden und verdaut hatte. Ein kleiner Rückfall
drohte lediglich, als sie sich einmal von Henning trennte,
um bei mir nach dem Stand der Dinge zu fragen und um mir ebenfalls
viel Glück bei der Wahl zu wünschen. Ich versuchte,
freundliche Unbefangenheit zu vermitteln, bedankte mich höflich
und zeigte mich zuversichtlich, daß auch Hennings Partei
ein großer Wahlerfolg beschieden sein würde.
Die nächsten vier der insgesamt fünfundzwanzig Urnenergebnisse
waren für die Graue Liste überraschend vielversprechend,
bei den Anglisten kam sie sogar auf fünf Prozent. Dort
hatte Babrak nach eigenen Angaben per Edding intensive Wahlpropaganda
auf den Toilettenwänden betrieben. Eifrige Wahlhelfer
hatten eine erste Hochrechnung erstellt, derzufolge die Graue
Liste mit zwei Prozent der Stimmen sogar einen Sitz im Studentenparlament
zu erringen versprach. Jusos und Antifas hatten erhebliche
Stimmeneinbußen zu erleiden, Schwule und Grüne
legten dagegen ebenso wie die Radikalliberalen zu, die anderen
Liberalen hatten leichte Verluste, und der RCDS konnte sein
Vorjahresergebnis in etwa halten.
Unmittelbar nach der Verkündung dieser ersten Hochrechnung
erschien Yvana an unserem Stand, jene Juso-Abgeordnete, die
ich auf der letzten Sitzung des Studentenparlaments kennengelernt
hatte, jene gutaussehende Serbin also, die ihre linken Pappenheimer
mit flotten Emanzensprüchen auf Trab hält. Sie hatte
ein tief ausgeschnittenes schwarzes Kleid an, über welches
sie eine violette Strickjacke gehängt hatte. Sie blieb
vor unserem Ausstellungstisch stehen, winkte mich heran und
beugte sich zu mir herüber, um sich im Fetenlärm
besser verständlich machen zu können. Ich beugte
mich ebenfalls zu ihr hin, und sie fing an zu sprechen.
Unwillkürlich lugte ich in ihren Ausschnitt, in dem ihre
drall zusammengepreßten Brüste ein tiefes dunkles
und sinnliches Tal bildeten. Ausgerechnet in diesem Moment
winkte sie mit einer flüchtigen Armbewegung jemandem
zu, wobei sich zwischen ihrer Strickjacke und ihrer Haut ein
genügend breiter Hohlraum bildete, um mich für den
Bruchteil einer Sekunde ihre linke Brustwarze erspähen
zu lassen, die sich über den Rand ihres eng anliegenden
Wonderbras geschoben hatte. Sofort war es um mich geschehen,
und ein bis dahin nie gekanntes Verlangen erfüllte all
meine Sinne, eine Gier nach Yvana, die noch lange nachhalten
sollte. Durch mein lustvolles Erschrecken hatte ich nicht
verstanden, was sie von mir wollte, und ich bat sie, sich
zu wiederholen. Sie teilte mir mit, daß nach ihren Berechnungen
die Graue Liste das Zünglein an der Waage zwischen Rechten
und Linken sein könnte und fragte mich, ob wir uns in
einem solchen Fall an einer Koalition mit den Linken, also
mit Jusos, Grünen, Schwulen und Antifas beteiligen würden.
Yvanas Koalitionsangebot
Ich sagte, das müßte ich erst mit meinen zwei Parteifreunden
besprechen, und bat Yvana in unsere Trutzburg. Ich gab ihr
die Hand, um ihr über den Tisch zu helfen, und sie meisterte
die Hürde mit einem eleganten Schwung, ohne jedoch weitere
Einsichten zu gewähren. Ich konnte an nichts anderes
mehr als an ihre wunderschöne groschengroße Brustknospe
denken und musterte verstohlen die Stelle auf ihrer Jacke,
unter dem sich dieses Juwel verbarg. Ich beschloß auf
der Stelle, mir Mut anzutrinken, Yvana kompromißlos
den Hof zu machen und sie zu verführen. Sie fragte Babrak,
wie es denn um eine Koalition mit den Linken bestellt sei.
Babrak jedoch hatte nicht das gesehen, was ich gesehen hatte,
und schloß eine solche Koalition kategorisch aus. Die
Graue Liste sei parteipolitisch unabhängig und wolle
die Macht mit keiner anderen Gruppe teilen, erst recht nicht
mit den "Antifaschos", die er für einen Haufen
von orientierungslosen und gewaltbereiten Desperados halte,
die nur durch Zufall in ihrer Sozialisation keine Skinheads,
sondern Anhänger des anderen Extrems geworden seien.
Yvana nickte verständnisvoll, meinte aber, man müsse
diese antifaschistischen Kräfte in einer Koalition kanalisieren
und für die linke Sache nutzbar machen. Babrak gab an,
nicht unbedingt für irgendeine "linke Sache"
kämpfen zu wollen, woraufhin Yvana sich wieder mir zuwandte.
Ich erklärte ihr, daß die Graue Liste nur der Propagierung
der Phone-Idee diene, daß Babrak und ich jedoch politisch
gesehen unterschiedlicher Meinung seien. Im Gegensatz zu Babrak
könne ich mir eine Koalition mit den Linken durchaus
vorstellen. Falls ich der Kandidat der Grauen Liste mit den
meisten Stimmen sein sollte und damit den Sitz im Studentenparlament
bezöge, würde ich mich einer Koalition nicht verweigern.
Yvana nickte zufrieden, und ich bot ihr einen Kaffee an, was
sie nicht ablehnte. Ich fragte nach ihren Studienfächern
und erfuhr, daß sie im fünften Semester Sinologie
studiert. Ich fragte sie über China, die Chinesen und
die chinesische Sprache aus, und sie erging sich dankbar in
längeren Vorträgen, denen ich allerdings nicht ganz
folgte, da meine Gedanken immer noch an ihrer Brust hingen,
die allmählich in meinem Kopf zum wunderbarsten und erotischsten
wurde, was ich je gesehen hatte. Mir war natürlich klar,
daß Yvana sich nur mit mir abgab, weil sie mich als
potentiellen Koalitionspartner an sich binden wollte, und
daß sie ihre scharfen weiblichen Waffen gezielt für
ihren Machtpoker einsetzte. Vielleicht war auch der Einblick
auf ihren verrutschten Büstenhalterrand geplant und vorher
in mühevoller Fleißarbeit eingeübt worden.
Doch angesichts ihres Körpers ließ ich mich allzu
gerne mißbrauchen, und für eine Nacht mit ihr hätte
ich mit so ziemlich jedem koaliert. Dieses sexuelle Verlangen
hatte ich bei Luise nie verspürt, bei Luise war es eher
die Illusion einer tieferen geistigen Übereinstimmung,
die mich an sie fesselte. Natürlich ist auch Luise schön,
aber ihre Schönheit ist schon fast zu unmenschlich und
statuenhaft, als daß sie eine körperliche Begierde
zu wecken imstande gewesen wäre. Yvana dagegen war ein
Vollweib aus Fleisch und Blut, das den Mann und nicht den
Götzendiener in mir weckte.
Yvana hatte sich neben mich auf die Tischkante gesetzt, und
nach dem Kaffee plünderten wir Babraks Sixpack-Dosen.
Irgendwie war sie vom Thema China weggekommen und erzählte
nun von ihrer Heimat auf dem Amselfeld, wo sie als serbische
Minderheitenfamilie unter Albanern aufgewachsen war. Da ich
wußte, daß sie nicht gut auf Albaner zu sprechen
war, warf ich ein, daß mir auf einer Demo von Kosovo-Albanern
aufgefallen sei, wie häßlich diese Menschen seien.
Dafür wurde ich von Yvana umgehend belohnt, indem sie
ihre Hand auf meinen Oberschenkel legte und sie dort ruhen
ließ. Ich hatte schon genug getrunken, um meinerseits
meinen mit der Bierdose bewaffneten Arm um ihre Taille zu
legen, woraufhin sie sich eng an mich schmiegte und ergänzte,
daß die Albaner sie an Gremlins erinnerten. Dann wich
sie mit ihrem Kopf ein wenig zurück, blickte mich mit
ihren schönen langwimprigen Rehaugen an und fügte
hinzu, daß man "dieses Pack mit Kind und Kegel
ausrotten" müßte. Dann ließ sie ihre
Lippen auf die meinen herabfallen, und ihre Zunge bohrte sich
wild zuckend in meinen Mund, gleichzeitig rutschte ihre Hand
von meinem Oberschenkel weg zu meiner sich steil aufbäumenden
Männlichkeit, woraufhin ich mich bevollmächtigt
fühlte, meine Hand von ihrer Taille zu ihrem Ausschnitt
gleiten zu lassen, wo sie unter das Kleid rutschte und zart
über die zuvor entdeckte Knospe strich.
Daß ich der Partner einer derart hinreißenden
Frau bei einer solchen Pettingszene sein sollte, erschien
mir so surreal, daß ich zwar meinem Verstand, nicht
aber meinen Sinnen glauben konnte. Ich erlebte diese Situation
wie ein unbeteiligter Dritter, wie ein Voyeur, der in Ermangelung
eigener Chancen anderen bei der Liebe zuschauen muß.
Später warf ich mir vor, diesen Augenblick nicht besser
genossen zu haben, mich ihm nicht lustvoller hingegeben zu
haben. Dafür genoß ich die Erinnerung daran umso
mehr, und je öfter ich diese Minute Revue passieren ließ,
desto verrückter wurde ich nach Yvana, desto unbändiger
wurde das leidenschaftliche Verlangen nach körperlicher
Vereinigung mit ihr.
Ich kann mit Sicherheit davon ausgehen, daß Yvana und
ich in der besagten Minute nicht unbeobachtet blieben, obwohl
der Tisch, auf dem wir uns um-schlangen, sich in einer dunklen
Nische unserer Festung befand. Babrak kehrte uns zwar den
Rücken und war in seine Schachpartie mit Klaus ver-tieft,
aber diverse Leute auf der Tanzfläche waren bestimmt
Zeuge unseres Tuns. Vielleicht hatten auch Luise und Henning
etwas mitbekommen. Und warum dauerte das ganze nur eine Minute?
Ich wollte Yvana gerade vorschlagen, die Wahlfete für
eine Weile zu verlassen und zu mir zu gehen, da trat der Wahlleiter
ans Mikrophon, um ein neues Urnenergebnis bekanntzugeben.
Abrupt löste sich Yvana von meiner Umarmung und schritt
zum Fronttisch unseres Standes, um das Ergebnis auf ihrem
dort liegenden Urnenplan einzutragen. Es handelte sich um
die Stimmen der Juristen. Der RCDS und die Liberalen waren
hier zwar traditionell stark, doch die Jusos landeten mit
23% der Stimmen einen Überraschungserfolg und ließen
Grüne, Schwule und Antifas zusammen weit hinter sich.
Die Graue Liste bekam hier keine einzige Stimme, was die Erlangung
eines Sitzes wieder recht unwahrscheinlich machte.
"Ich muß mal schnell zu meinen Jusos", sagte
Yvana, ohne mich eines letzten Blickes zu würdigen, schwang
sich über den Tisch und entschwand in der Menge. Zunächst
war ich so naiv zu glauben, daß sie bald wiederkehren
würde, doch auch nach einer halben Stunde hatte sie sich
noch nicht zurückgemeldet, obwohl die Graue Liste nach
der guten Cafeteria-Urne und einer weiteren Hochrechnung wieder
einen Sitz sicher hatte. Nach etwa einer Stunde erschien sie
auf der Tanzfläche und tanzte inmitten der Punkerschar
auf das BVB-Lied von Ton, Steine, Scherben. Da mischte auch
ich mich unter die Punks, um Yvana anzutanzen. Ich hielte
ihr die Arme hin, sie ergriff einen, drehte sich einmal lachend
um die Achse und ergriff dann einen anderen Arm, der einem
violetten Irokesen gehörte. Als das Lied verschall, war
auch Yvana wieder weg, und ich kehrte im Bewußtsein,
mich auf der Tanzfläche blamiert und erniedrigt zu haben,
zu meinem Stand zurück, wo mir Babrak einen verwunderten
und fast vorwurfsvollen Blick zuwarf. Henning und Luise waren
nicht mehr da und tauchten auch nicht mehr auf.
Bevor um zwei Uhr nachts das Endergebnis verkündet wurde,
waren auch sämtliche RCDS-Leute verschwunden. Zunächst
dachten Babrak und ich, daß diese Spießer unfähig
waren, mal für einen Abend ihren Zapfenstreich zu verlängern,
doch später wurde uns klar, daß sie gut daran getan
hatten, so früh zu gehen.
Die Linken verloren insgesamt stark und verfehlten die absolute
Mehrheit um einen Sitz. Starke Einbußen mußte
vor allem die Antifa hinnehmen, welche vier ihrer ehemals
neun Sitze verlor. Auch die Grünen verloren leicht, während
Jusos und Schwule ihr Vorjahresergebnis halten konnten. Der
RCDS gewann drei Sitze hinzu, die Liberale Hochschulgruppe
verlor zwei Sitze an Hennings Radikalliberale. Und die Graue
Liste gewann hun-dertundeinundfünfzig Stimmen und einen
Sitz! Babrak, Klaus und ich machten zur Feier der Nacht unsere
Cherry-Coke-Dosen auf.
Ich freute mich wohl am meisten, da die Graue Liste nun wirklich
das Zünglein an der Waage werden konnte und ich deswegen
fest mit einem weiteren Besuch Yvanas rechnete. Dieser blieb
jedoch sehr zu meiner Verzweiflung aus. Ich nahm an, daß
sie vom schlechten Abschneiden der Linken enttäuscht
war und vorerst keine Lust auf einen zweiten weiblichen Koalitionsangriff
hatte. Vor allem die Mitglieder der Antifaschistischen Liste
machten lange Gesichter. Vor deren Stand hatten sich die Punks
versammelt, einige von ihnen zerstampften wütend ihre
leeren Bierdosen.
Es wurden nun die Einzelergebnisse der Kandidaten verlesen,
die einen Sitz im Studentenparlament ergattert hatten. Das
beste Ergebnis, nämlich 364 Stimmen, erreichte Yvana,
die damit wesentlich zum guten Abschneiden der Jusos beigetragen
hatte. Vermutlich hatte sie vor allem zahlreiche Männer
durch ihr ansprechendes Foto in der offiziellen Wahlzeitung
überzeugt, wo sie zwar keinen Ausschnitt trug, aber immerhin
überaus verführerisch lächelte. "Für
die Graue Liste kommt ins SP Phrank Lathe." Babrak und
Klaus gratulierten mir, und ich stellte mir sofort voller
Wonne die Koalitionsverhandlung mit Yvana vor, als aus der
antifaschistischen Ecke der Ruf "Nazis raus!" ertönte.
Als hätten sie auf dieses Signal gewartet, bewegten sich
drei Punks von der Tanzfläche auf uns zu und bauten sich
in fest geschlossener Reihe vor unserem Stand auf. Der Leithammel
und Wortführer dieser Gruppe stand in der Mitte und blitzte
mich mit seinen wulstigen Pitbull-Augen an. Ich erwiderte
seinen Blick, um nicht als Feigling dazustehen und fragte
den Typen nach seinem Begehr. Er war im Gegensatz zu seinen
Begleitern eher schmächtig, hatte eine schwarze Ledermütze
mit einem aufgemalten roten Stern, ein Palästinensertuch,
eine braune Lederjacke mit Nazis-Raus-Aufnäher und diversen
antifaschistischen Buttons, eine mit Metallringen behängte
Taille und eine enge rot-schwarz gestreifte Hose über
den Springerstiefeln.
"Ihr Fascho-Schweine habt uns Linken die Stimmen geklaut."
Ich gab zu bedenken, daß ich niemandem die Stimmen weggenommen
hätte und daß für Stimmenwanderungen die Wähler
selbst zuständig seien. Außerdem sei ich selbst
ein Linker und würde mich selbstverständlich an
einer Koalition gegen Rechts beteiligen. "Du ein Linker,
daß ich nicht lache. Ihr seid doch nur aus Gag angetreten,
und außerdem wissen wir, daß ihr alle Burschenschaftler
seid." Ich sah den Punk streng an und erwiderte, das
sei totaler Quatsch. Das überzeugte ihn aber nicht, er
blickte noch strenger und mit spürbarem Haß in
den Augen zurück und hob ruckartig unseren Tisch an,
von welchem dann einige Zeitschriften, CDs und Flugblätter
herunterflogen. Die beiden anderen Punks nahmen sich unsere
Cherry-Coke-Dosen, öffneten sie und bespritzten uns mit
dem kostbaren Naß. Babrak versuchte, die Situation mit
Humor zu entschärfen und fragte mit gespielter Entrüstung,
was die Graue Liste denn nun trinken solle. "Wir werden
euer braunes Blut trinken", antwortete schlagfertig die
Mischung aus Che Guevara und Arafat mit den Pitbull-Augen,
um sich dann mit seinen zwei Kumpanen wieder zu entfernen.
Babrak und Klaus hielten nun den Zeitpunkt für gekommen,
die Mensa zu verlassen. Ich versuchte, die beiden mit dem
Einwand aufzuhalten, man solle sich nicht von diesen Schwachköpfen
einschüchtern lassen, das hinterlasse keinen guten Eindruck.
Doch die beiden hatten natürlich die besseren Argumente
auf ihrer Seite, und so mußte ich mich fügen und
mich der Hoffnung berauben, Yvana könne mich noch einmal
beehren.
Wir suchten mein Wohnheim auf und setzten uns in die Gemeinschaftsküche,
wo wir zwei Koreanerinnen kennenlernten, die frisch eingezogen
waren. Wir leerten noch eine Flasche Reiswein sowie einige
Gläser Pflaumenschnaps, aßen etwas Kimtschi und
gingen dann unserer Wege. Ich konnte lange Zeit nicht einschlafen,
da ich durch die zahlreichen Eindrücke des Abends sehr
aufgewühlt war, vor allem natürlich durch meine
Affäre mit Yvana. Ich versuchte, meine Gefühle für
sie zu analysieren und sie mit meinen Gefühlen gegenüber
anderen Frauen zu kontrastieren. Ich kam zum Schluß,
daß meine Zuneigung zu Yvana auf purem Sex beruhte,
konnte mir aber auch lebhaft vorstellen, mit anderen Frauen
wie Luise oder der kalten Sophie intim zu sein. Offenbar hatte
Yvana meinen aus Mangel an Gelegenheiten verschütteten
Erostrieb geweckt, und dafür war ich ihr sehr dankbar.
Der Gedanke an unseren Zungenkuß und meine Hand an ihrem
Busen jagte mir jedes mal wohlige Schauer durch den Körper.
Kapitel
7: Lovemathics
Bei
Amazon: David Schahs Roman Die Säulenhalle

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Luise
freut sich für Henning
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