Hit
the Road, Che …
Wie
war Ernesto Guevara, genannt "Che", wirklich? Wer
war der Mensch hinter der Aufmachung als lateinamerikanischer
Operetten-Revolutionär? Was trieb ihn an, sein Leben
dafür zu opfern, als Poster in Kinderzimmern und WG-Küchen
zu enden?
Fragen
über Fragen! Doch lange Zeit mussten wir uns mit schablonenhaften
Antworten begnügen. Che Guevara, hieß es da beispielweise,
sei eine Pop-Ikone. Nur was ist eine Pop-Ikone? Ein Centerfold
für Waldorfschülerinnen mit geheimer Schwäche
für Machos? Oder eine Gebetsvorlage für Sozialisten
mit seichtem Musikgeschmack? Niemand wusste genaueres.
Umso
löblicher erscheint es uns deshalb, dass neuerdings aus
allen Richtungen Annäherungen an den großen Unbekannten
über uns hereinschwappen, die mehr Antworten bereithalten,
als wir jemals Fragen zu stellen gewagt hätten. Um den
Lesern einen Überblick zu verschaffen, wollen wir nun
die wichtigsten vorstellen.
Aus
dem Hause Disney kommt der monumentale Zeichentrickfilm "Das
Dschungelbuch des Che Guevara". Mit gewohnter Detailverliebtheit
wird hier die Lebensgeschichte des drolligen Zigarrenrauchers
als unterhaltsames Musical für die ganze Familie aufbereitet.
Störend wirken dabei nur einige sachliche Ungereimtheiten,
wie etwa das Song-Duett "Surfing on the Bay of Pigs"
zwischen dem Bären Crutchie (Nikita Chruschtschow) und
König Artus (John F. Kennedy).
Mehr
um authentisches Lokalkolorit bemüht ist hingegen die
Verfilmung der "Motorcycle Diaries". Als verwegener
Easy-Rider kämpft sich hier der junge Medizinstudent
Ernesto mit seinem Sidekick durch Lateinamerika. Dabei wird
bereits der spätere Menschenfreund Che Guevara greifbar,
der Terroristen wie Bin Laden mit dem Vorschlag das Wasser
abgraben wollte, Atombomben auf New York zu werfen.
Vom
Erfolgsgespann Zucker und Zucker kommt eine amüsante
Neuinterpretation des "Bolivianischen Tagebuchs".
In "Die nackte Kalaschnikoff 444 1/4" werden die
Mühen des wackeren Revolutionärs geschildert: von
seinem erfolglosen Versuch, auch nur einen Bolivianer für
seine Ziele zu gewinnen, bis hin zur tragischen Ermordung
durch seine Feinde, die es vorziehen, sich nicht für
die gute Sache an die Wand stellen zu lassen, sondern perfide
zurückschießen.
Eine
Schülergruppe aus Castrop-Rauxel hat Che Guevara auch
die Türe zum Theater aufgestoßen. Im Rahmen einer
Projektwoche brachte sie unter Anleitung ihres Sowi-Lehrers
ein mehr als zwanzigminütiges Stück zur Aufführung,
in dem Che Guevara etwas unhistorisch mit der "Weißen
Rose" den Sturz Hitlers vorbereitet und schließlich
am 20. Juli den Tod findet.
Und
natürlich lassen auch die Printmedien und das Fernsehen
nichts aus, um uns Ernesto Guevara näherzubringen. Völlig
überraschend wartete etwa der "Spiegel" mit
der fünfundzwanzigsten Titelgeschichte "Mythos Che"
auf, während sämtliche öffentlich-rechtlichen
Kultursendungen in der Rhetorik des marxistisch-leninistischen
Parteihochschülers nach einer lyrischen Note fahndeten.
Das
Bild wird abgerundet durch eine eigene Che-Guevara-Quizshow
in SAT1 und die Castingshow "Wer wir Revolutionär?"
mit Günter Jauch im Konkurrenzsender RTL. Selbst das
Sex-Leben des Übermannes wird nun entzaubert. Lilo Wanders
präsentierte einen exklusiven Bericht über die romantische
Freundschaft zwischen Che und Fidel Castro. Interessantes
Detail: der "líder máximo" habe kubanische
Schwule ins Gefängnis werfen lassen, um den "Liebling
der Revolution" nicht zu verlieren.
Nimmt
man noch das weite Feld des Merchandising hinzu, von Kondomen
mit aufgedrucktem Konterfei bis hin zum Golf "Ernesto
Che Guevara", so wird man nicht umhinkönnen, sich
einzugestehen, dass nun endlich alles über den unverstandenen
Helden des 20. Jahrhunderts gesagt ist. In diesem Sinne: "…
and don't you come back no more, no more, Ernesto!"
Henning
Helmhusen
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