Schon
den ganzen Tag über hatte ich voller Ungeduld an den bevorstehenden
Abend im Ballhaus gedacht. Gegen neun Uhr verließ ich mein
Heim und machte mich auf den Weg in das trostlose Einkaufslabyrinth,
in dessen Kellergefilden das Ballhaus liegt. Am Eingang
saß auf einem Hocker ein ganz in schwarz gehüllter Fleischberg
mit mehlweißem Gesicht und etwa einen halben Meter in die
Höhe gefönten und blauschwarz getönten Haaren. An seinen
Ohren hing jeweils ein fünfzackiger Kupferstern, und auf
seiner Brust prangte das Zeichen des Raumschiffs Enterprise.
Die Knollennase war mit dem Dreizack des Neptun gepierct [1] . Seine schwarze
Kutte reichte bis zum Boden und sah an den unteren Rändern
naß und schmutzig aus.
Dieses
Wesen musterte mich skeptisch und händigte mir eine Karte
aus. Auf meine Frage hin erklärte er die Funktion einer
Verzehrkarte und riet mir überdies, beim nächsten Mal donnerstags
mit dunkleren Kleidern zu erscheinen. Ich trug ein graues
Hemd und eine blaue Jeans. Ich betrat das schwach beleuchtete
Ballhaus und gelangte in einen Flur, an dessen Ende sich
die in dicke künstliche Nebelschwaden gehüllte Tanzfläche
zu befinden schien. Es lief ein Lied, das nur aus vier schlagzeugbegleiteten
Molltönen bestand, aber nichtsdestotrotz auf Anhieb seine
melancholische Wirkung auf mich nicht verfehlte.
Ich
schaute mich nach Luise um und sah mir die vereinzelt im
Flur herumstehenden Gestalten genauer an. Sie waren fast
ausnahmslos ganz in Schwarz gekleidet, die Männer trugen
zumeist ein langes kuttenähnliches Gewand und eine gewaltige
Hochfrisur, viele Mädchen hatten schwarze Netzstrumpfhosen,
tiefe Ausschnitte und einen schwarzen Witwenschleier über
den mit schwarzer Schminke bearbeiteten Gesichtern. Auch
die Haare dieser Gestalten waren durchweg schwarzgefärbt
und bestachen durch ihre abenteuerlichen Frisuren. Neben
den vorherrschenden Turmfrisurtypen gab es auch an den Kopfseiten
kahlrasierte Männer, die sich die verbliebenen Haare zu
einem Mongolenzopf zusammengebunden hatten und gar furchterregend
aussahen. Man unterhielt sich kaum, sondern schien mit trauriger
Miene der eintönigen und traurigen Musik zu lauschen.
Ich
näherte mich den Schwaden der Tanzfläche, auf der ich nun
die schwerblütigen Bewegungen einiger weiterer schwarzer
Personen erkennen konnte. Bald hatte ich das Prinzip des
Tanzes erfaßt: Mit vorgebeugtem Oberkörper und gesenktem
Haupte ging es drei langsame Schritte nach vorn, dann wieder
drei sanft geschwungene Schritte zurück. Berührungen mit
den anderen Tanzenden schien man zu vermeiden. Ich lehnte
mich an eine Säule und beobachtete das Geschehen auf der
Tanzbühne, zwischendurch immer wieder in Richtung Eingangstür
blickend, um nach Luise Ausschau zu halten. Nach drei weiteren
traurigen Liedern ging ich zur Theke, um mir bei der Bedienung,
einem schwarzen Busenwunder, eine Cola zu holen. Nach weiteren
drei Liedern war immer noch nichts von Luise zu sehen, und
ich beschloß, auf Toilette zu gehen, selbst auf die Gefahr
hin, daß Luise zwischenzeitlich auftauchen und in der Annahme,
ich sei nicht da, wieder weggehen könnte.
Die
mit Blutspritzern benetzten Kacheln meiner Klokabine boten
reichlich Lektüre. Von Auseinandersetzungen zwischen Nazis
und Antifas über homoerotische Kontaktanzeigen bis hin zu
Satanistensprüchen war alles vertreten. Daneben fanden sich
so nützliche Öko-Ratschläge wie "Spar Wasser, hau weg
den Scheiß!" oder die erbauliche Aufforderung "Zeig,
was in dir steckt!" Ich zückte meinen Edding und zeichnete
ein Phone-Männchen mit der Sprechblase "Sei klug, trag
den Phonetail!"
Vor
dem verrosteten Kondom-Automaten in der Toilettendiele hatte
ich dann eine Begegnung der besonderen Art: Eine inklusive
Haarpracht etwa zwei Meter große Witwe sah mich mit ihren
grünen Augen giftig an und sprach mit knarrender Altstimme:
"Komm mit mir!" Besonders einladend klang das
nicht, und mit angestrengt lässigem Tonfall fragte ich:
"Wo soll's denn hingehen?" -"Zu mir. Ich
mach's dir." Ich wagte nicht daran zu denken, was sie
wohl damit meinen könnte, und entgegnete schnell und mit
entschuldigender Handbewegung: "Das geht jetzt leider
nicht. Ein andermal." Ich erntete nur ein Achselzucken,
die Witwe machte sich nun an dem Kondomautomaten zu schaffen
und ich konnte nicht umhin, ihr gewaltiges in schwarze Stoffschwaden
gehülltes Hinterteil zu sehen, auf dem ein vom Hals herunterhängendes
Metallkreuz baumelte. Es ertönte nun ein Stück, das an ein
mittelalterliches Minnelied erinnerte und welches die dicke
Witwe dazu animierte, ihren rechten Arm zu heben und damit
rhythmische Bewegungen zu vollführen.
Ich
ging zur inzwischen gut gefüllten Tanzfläche zurück, wo
mein Blick sofort in einen Ausschnitt fiel, in dem ein enges
dunkles Tal von zwei schneeweiß emporquellenden Hügelchen
umsäumt wurde. Langsam verzogen sich die Dunstschleier vom
gesenkten Haupte dieser lieblich dahintanzenden überweiblichen
Erscheinung, und mir war, als ginge inmitten dieser tiefschwarzen
Nacht der schwankenden Gestalten der Mond auf. Da sie die
Haare nach hinten zu einem großen Knoten gebündelt hatte,
sah ihr Gesicht tatsächlich etwas zu rund aus, aber sie
war es, sie, der ich diesen Abend gewidmet hatte, Luise.
Es
dauerte nicht lange und sie erkannte mich. Sie unterbrach
ihren DreiSchritte-Tanz und kam lächelnd auf mich zu. Ganz
nah kam ihr Mund an mein Ohr, und ich hörte: "Schön,
daß du gekommen bist!" Mir wurde gleich ganz wohl ums
Herz. In Ermangelung eines anderen Einfalls erzählte ich
ihr von meiner Begegnung vor dem Kondom-Automaten, woraufhin
sie mich schnell unterbrach: "Ja, ja. Das ist die Gabi.
Das macht die immer, die ist nicht ganz dicht." Deswegen
also. Das schönste an unserer Unterhaltung war, daß sie
mich mit dem Mund öfters leicht berührte, wenn sie in mein
Ohr sprach. Ich sagte ihr, daß mir die Musik hier gut gefalle.
Um mein Glück vollkommen zu machen, rieb sich nun ihr Busen
zart an meinem Arm, während sie mir mitteilte, daß das gerade
laufende Lied von der Gruppe Shock Therapy sei und Hate
is a 4-letter word heiße.
Das
Lied gefiel mir wirklich. Eine ergreifend schöne aber schlichte
Melodie, gepaart mit einer vor Verzweiflung triefenden Stimme.
Die depressiven Lieder, der Qualm, die tanzenden Geschöpfe
und Luisens Anwesenheit versetzten mich in eine ganz und
gar romantische Stimmung. Mir war, als befände ich mich
in einem surrealen Traum, und ich beschloß, diesen Zustand
zu genießen. Doch konnte ich mich leider nicht soweit gehen
lassen, meinen Arm um Luise zu legen oder auch nur für einen
Moment ihre Hand zu halten, obwohl ich spürte, daß sie dies
geduldet hätte.
"Das
ist twenty-four hours von Joy Division, meine Lieblingsgruppe."
Diesmal streifte selbst ihre Nase mein Gesicht, und augenblicklich
wurde Joy Division auch meine Lieblingsgruppe. Sie erzählte
mir, daß der Sänger dieser Band sich im Alter von 24 Jahren
das Leben genommen habe, daß er manisch depressiv gewesen
und seine Musik daher authentisch und völlig ernst gemeint
sei, ganz im Gegensatz zu The Cure, die lediglich auf der
Depri-Schiene gefahren seien, um eine Marktlücke zu füllen.
Schließlich sei Robert Smith, der Cure-Sänger, ja auch
immer noch am leben. Ausnahmsweise kannte ich die Gruppe
The Cure und fand sie bis dahin auch gar nicht mal so schlecht,
doch Luises Cure-Kritik leuchtete mir sofort ein, und ich
erlaubte mir einen Kommentar über die gekünstelt wehleidige
und ennervierende Stimme von Robert Smith, was Luise heftig
nickend und mit zustimmendem Lächeln zur Kenntnis nahm.
Es
folgte der Song Warm Leatherette, der Luise zufolge
von zwei Dummies handelt, die sich vor dem finalen Crash
ineinander verlieben. Danach erscholl wieder jenes Lied,
das gerade lief, als ich das Ballhaus betreten hatte. Luise
kannte nur den Namen der Gruppe: The Klinik, angeblich wie
auch schon Shock Therapy eine belgische Gruftie-Gruppe.
Die Belgier, so Luise, seien führend in der Herstellung
depressiver Musik. Eine Band habe sich sogar Dutroux
[2] genannt, was Luise indes etwas "pietätslos"
fand. Das fand ich dann auch.
"Ist Robert eigentlich hier?" Diese Frage Luisens
behagte mir zunächst gar nicht, schien sie doch auszudrücken,
daß sie ihn vermißte. Ich entgegnete, daß ich ihn leider
noch nicht gesichtet hätte. "Weißt du, was mir gestern
mit Robert passiert ist? Erzähl das aber bitte keinem weiter!"
Schockartig durchfuhr mich die Befürchtung, daß sie mit
Robert etwas gehabt habe, und daß sie mir nun erzählen wollte,
daß sie mit ihm zusammengekommen sei. "Der war gestern
bei mir." Ich fühlte, wie mein Herz erstarrte. Dieser
ekelhafte Dreistling hatte es tatsächlich gewagt, zu ihr
zu kommen und sie zu verführen! "Der stand bei mir
vor der Tür und bot mir Eistee an, und eh ich mich versah,
war er bei mir in der Wohnung." Dieses Schwein! Ich
hätte ihn auf der Stelle erwürgt, hätte er sich in diesem
Augenblick sehen lassen.
"Und
weißt du, was er dann gesagt hat? 'Du brauchst keine Angst
zu haben, ich bin asexuell!'" Ich war auf der Stelle
beruhigt. Wenn Robert asexuell ist, war da anscheinend doch
nichts gelaufen. "Mir wurde ganz anders. Dann hat er
ununterbrochen nur wirres Zeug geredet, von irgendeinem
Juristen, mit dem er Gyros gegessen hat. Ich ekele mich
eh vor Gyros, allein von dem Geruch wird mir ganz übel,
und dann kommt ausgerechnet dieser Robert und erzählt mir
was von Gyros. Dann sagte ich ihm, daß ich aufs Klo müßte,
und da meinte er 'Nein, warte, ich muß dir das erst zu Ende
erzählen!'"
Während
Luise angesichts dessen, was ihr da widerfahren war, fröstelnd
und ungläubig den Kopf schüttelte, fragte ich sie, wie sie
ihn denn schließlich losgeworden sei. "Irgendwann hatte
er dann wohl doch ein Einsehen, als ich ihm sagte, ich sei
jetzt müde und müßte außerdem noch was für die Uni tun."
-"War der denn irgendwie bekifft oder so?" -"Das
kann sein, aber ich glaube, der hat so schon ein Rad ab."
In diesem Moment war ich endlich davon überzeugt, daß Robert
kein Konkurrent war. Ich gab ihr den Rat, ihn besser nicht
mehr hereinzulassen, wer wisse schon, was in seinem wirren
Lockenkopf vorgehe. Luise nickte nachdenklich. Es drohte
nun eine peinlich lange Gesprächspause zu entstehen, die
ich dadurch aufzuheben wußte, daß ich nach dem gerade laufenden
Lied fragte. Es war Marian von den Sisters of Mercy.
Kurz
nachdem "Charlotte Sometimes" von The Cure aufgelegt worden
war und Luise darob ungnädig die Augen verdreht hatte, erblickte
ich Eva Chomski, die Barfuß-Schlampe aus meinem Wohnheim.
Ich wunderte mich nicht, sie hier zu sehen. Sie war noch
aggressiver geschminkt als sonst, und ihr kurzes schwarzes
Rüschen-Kleid wich in einem großen Bogen ihren schmalen
unerotischen Hüften aus, die nur mit einem Slip geschützt
waren, welcher schwarz durch die dünne Strumpfhose schimmerte.
"Die Frau da kenn ich, die wohnt in meinem Heim. Eva
Chomski." -"Ach, Eva Chomski heißt die, das wußte
ich nicht. Und die wohnt in deinem Heim? Was wohnen denn
da für kaputte Typen?" Ich fragte mich, welche anderen
kaputten Typen sie neben Eva noch meinen könnte. "Die
ist fast jedesmal hier. Ich kenn deren Lebensgeschichte,
die hat sich hier im Ballhaus rumgespochen." Ich bat
Luise, mir Eva Chomskis Lebensgeschichte zu erzählen.
"Die
studiert Germanistik und hat sich in den Professor Pesch
verliebt, der aber natürlich nicht in sie. Doch sie war
überzeugt davon, daß er sie auch liebt und ist sogar bei
dessen Frau vorstellig geworden, er müsse sich nun entscheiden
zwischen der und ihr. Der Pesch hat sich dann geweigert,
sie in sein Hauptseminar aufzunehmen. Seitdem ist sie völlig
abgedriftet. Neulich sah ich sie am Dies
[3] in der Cafeteria, wie sie mit einer Palette
Dosenbier am Tisch saß und schrie, man solle die Vorlesungen
vom Pesch boykottieren. Die ist dann vom Hausmeister abgeführt
worden."
Es
überraschte mich, daß es schon soweit mit der Chomski gekommen
war, obwohl ich ja schon wußte, daß sie etwas paranoid ist.
Einst hatte sie mir unterstellt, ich hätte im Wohnheim das
Gerücht verbreitet, sie sei hinter mir her. Erstens war
sie wirklich hinter mir her, und zweitens habe ich dies
niemandem erzählt, weil es mir zu peinlich war. Ich nahm
indes Abstand davon, Luise davon zu erzählen, weil ich sie
nicht wissen lassen wollte, daß ich mal etwas mit Eva zu
tun hatte. Sie hätte vielleicht falsche Rückschlüsse daraus
ziehen können. So mußte ich mich darauf beschränken, nach
einem weiteren Lied zu fragen, und kam mir dabei schon recht
dämlich vor.
Der
Song Love under Will oder so ähnlich der Gruppe Fields
of the Nephilim klang gerade aus, als Babrak zu uns stieß.
Ich war wirklich dumm gewesen anzunehmen, Robert sei ein
ernstzunehmender Nebenbuhler, denn nun wußte ich schlagartig,
woher wirklich Gefahr drohte. Ich hätte mir eigentlich schon
längst denken können, daß Babrak es auf Luise abgesehen
hat. Er hatte auch nicht gerade einen begeisterten Eindruck
gemacht, als ich Luise in seinem Beisein in der Cafeteria
kennenlernte. Er wäre ja auch ganz schön dumm, wenn er seine
Bekanntschaft mit ihr nicht ausnutzen würde. Jedenfalls
war ich nun ausgestochen.
Babrak
war ein weitaus besserer Unterhalter als ich. Er und Luise
plauderten angeregt, ich stand daneben, verstand kein Wort,
war ausgeschlossen und mußte zusehen, wie Luises lächelnder
Mund Babraks Ohren ganz nahe kam, wie ihre Brust seinen
Arm streifte und wie sie immer vergnügt lachte, wenn er
ihr etwas offenbar äußerst lustiges ins weiße Ohr sprach.
Es war klar, daß ich für Luise nur der Lückenbüßer bis zum
Eintreffen Babraks gewesen war. Ich war nun gänzlich überflüssig
und fühlte mich seelisch ausgebombt. Doch tat ich, als ob
ich durch das sinnlose Herumstehen voll auf meine Kosten
käme, blickte zufrieden grinsend auf die Tanzfläche, wippte
mit dem Fuß und rauchte mit lässiger Miene an der Zigarette,
die Babrak mir netterweise zwischendurch anbot. Doch schon
bei der nächsten Zigarettenrunde wurde ich ignoriert.
Ich
ging also selbst zum Zigarettenautomaten, zog eine Schachtel
Gauloises und bot Babrak und Luise eine an, doch Luise lehnte
ab. "Ich mag die Gauloises nicht so, ich nehm lieber
eine Lucky von Babrak." Das goß natürlich Öl in mein
Herzeleidfeuer. Dafür erbarmte sich Babrak meiner Zigaretten,
und als nach etwa einer halben Stunde Babraks Luckies verbraucht
waren, nahm auch Luise eine meiner Gauloises. Ich erklärte,
daß ich normalerweise auch lieber Luckies rauchen würde,
doch ich hätte mal was neues ausprobieren wollen. "Man
soll halt immer beim Altbewährten bleiben", wies Luise
mich zurecht, und ihre Stimme hörte sich zum ersten Mal
höhnisch und gemein an. Ich erkannte nun auf Abgang, sagte
bei einer leisen Musikphase, daß ich nun gehen müsse, und
fragte Luise nochmals nach dem gerade laufenden Lied. "Becuz
von Sonic Youth", kam Babrak Luise zuvor. Mir ist nun
völlig bewußt, daß die beiden unter einer Decke stecken.