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Du
isst was Du bist Unlängst war ich in Kassel bei Freunden zu Besuch. Wir hatten uns eine Weile nicht gesehen, und so hatte ich etwas den Anschluss verloren, was in jener Metropole angesagt ist, die so oft den Ton in Deutschland angibt. Als es ans Essen ging, überraschten mich meine Gastgeber: Bei uns um die Ecke hat ein carnetarisches Restaurant eröffnet: die Haxe. Wir gehen sehr häufig hin und haben mittlerweile unsere gesamte Ernährung umgestellt. Uns geht es seitdem saugut. Ich wusste nichts damit anzufangen und fragte zurück. Die Antwort war noch rätselhafter: Wir sind nicht so abgedrehte Carnaner. Wir sind Carnetarier! Ich ließ mir nichts anmerken, und wir gingen dann. Das Essen in der Haxe war für meine Begriffe gutbürgerlich mit Gyros, Schnitzel und allerlei Schlachtplatten. Allein der Wirt schlug meine Bitte um Pommes Frittes als Beilage etwas barsch aus. Solchen Fraß sollte ich mir beim McDonalds kommen lassen. Nach Frankfurt zurückgekehrt, versuchte ich mehr herauszufinden. Freunde und Bekannte waren leider keine Hilfe. Von carnetarischen Restaurants hatte hier noch niemand etwas gehört, und auch mein Lexikon wußte nichts. In den großen Bibliotheken wurde ich dann endlich fündig. Der
Carnetarismus ist eigentlich gar kein neuer Trend. Vielmehr reichen seine
Wurzeln bis in die graue Vorzeit zurück. Eine eigenständige
Bewegung wurde er aber erst durch Hermann Gustav Gustloff (übrigens
einen Großonkel unseres Namenspatrons). Als vollständiger Autodidakt
betrieb er seine ernährungswissenschaftlichen Studien neben seinem
Broterwerb als Gehilfe in einem Schlachthaus. Beflügelt durch diese bahnbrechenden Erkenntnisse baute Hermann Gustav Gustloff seine eigene Ernährungslehre auf, die er in ein umfassendes System mystischer Welterkenntnis einbettete: den Carnetarismus. Der Weg zu einem langen und erfüllten Leben führe über den Verzicht auf jegliche pflanzliche Ernährung und am besten eine reine Fleischkost. Noch zu Lebzeiten konnte Hermann Gustav Gustloff für seine Lehre mehrere Anhänger gewinnen, so z. B. nach über zehnjähriger Überzeugungsarbeit und kurz vor ihrem Tod seine Frau Isolde Gustloff-Vogts. Sein Privatleben war leider von Tragödien gezeichnet. So verstarben die drei carnetarisch aufgezogenen Kinder schon früh auf für ihn unerklärliche Weise. Als er 1910 selbst im Alter von 43 Jahren dahinschied, erlitt der Carnetarismus einen Rückschlag, von dem er sich lange Zeit nicht mehr erholen sollte. Erst in den 60er Jahren nahm die Bewegung von den USA aus einen neuen Aufschwung. Die Lawine ins Rollen brachte ausgerechnet die rigoros vegetarische American League of Vegetables. Eigentlich als Abschreckung gedacht, veröffentlichte sie 1967 das Werk Hermann Gustav Gustloffs Die Fleischeslust (The Carnal Pleasure). Die große Resonanz kam völlig unerwartet. Und noch unerwarteter war die Richtung, die sie nahm: Landesweit schossen carnetarische Lesezirkel aus dem Boden. Mit Kränzen aus Chicken-Wings im Haar zogen junge Leute in die Fleischmetropole Chicago, um den Klängen engagierter Musiker wie der Meatles oder eines Captain Beefsteak zu lauschen. Fleischbewegte Hippies gründeten unter der Parole Wheres the beef? Landkommunen, in denen sie die neue Lebensweise praktizierten. Dabei kam es auch zu manch skurrilen Blüten, wie etwa dem Versuch, Kühe zu Fleischfressern umzuerziehen, die heute leider immer noch etwas das Bild des Carnetarismus in der Öffentlichkeit bestimmen. Auf dem Umweg über die USA kehrte der Carnetarismus dann endlich auch wieder in das Land seiner Entstehung zurück. Organisationen wie Pflanzenversuche Stopp!, Robin Meat oder Plantpeace nahmen ihren Anfang und erfreuten sich ab den späten 70er Jahren eines regen Zuspruchs gerade von jungen Leuten, die sich im Angesicht von Müsli, pflanzlicher Rohkost und Tofu nach einer natürlichen Lebensweise sehnten. Langsam differenzierte sich auch die Bewegung aus: Radikale Carnetarier machten mit Pflanzenbefreiungen von sich Reden, wobei sie Zäune um Gärten und Felder niederrissen. Es spalteten sich die Carnaner ab, die sogar den Verzehr von nicht-fleischlichen Produkten wie Eiern und Milch ablehnten. Und unter den Carnanern kam es wieder zum Streit darüber, ob nicht der Verzehr von Pflanzenfressern gegen die reine Lehre verstößt. Die
Begründungen, die für den Carnetarismus vorgetragen werden,
sind sehr vielfältig. Zum einen wird betont, daß sich Menschen
in der Urzeit vorwiegend von Fleisch (Mammuts, Säbelzahn-Ozelots,
usw.) ernährt haben und unsere Art deshalb nicht für eine pflanzliche
Ernährung geschaffen ist. Das bewiesen auch die hohen Lebenserwartungen
in den Industrieländern mit ihrem vermehrten Fleischkonsum. Als
mir all dieses klar wurde, änderte ich meine Ernährung auf der
Stelle. Zwar sind die Alkoholika etwas eingeschränkt, im Wesentlichen
auf Eierlikör, aber ansonsten muss man praktisch auf nichts verzichten.
Tagelang ausgekochter Pansen kann Tofu ersetzen. Schokoladenpudding
gibt es aus frischgepressten Nierchen. Und mit Eiern und Käse lassen
sich Fleischkartoffeln zaubern, die ihren pflanzlichen Vorbildern täuschend
ähnlich sehen. Die Umstellung auf die neue Kost war also kein Problem
für mich. Und nach nunmehr drei Wochen kann ich die Erfahrung meiner
Kasseler Gastgeber nur vollauf bestätigen. Seitdem ich mich endlich
gesund ernähre, fühle ich mich pudelwohl und hatte noch keine
einzige Grippe.
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