Highway
to hell
Bekanntlich
gibt es viele Wege zum Sozialismus. Einen davon beschreiten viele
von uns, ohne sich dessen bewusst zu sein. Und eines Tages wachen
wir als Sklaven auf und merken, dass wir am eigenen Leibe enteignet
und dass wir materiell und psychisch mit einer anderen Person
verflochten sind. Es geht um den Sozialismus zu zweit, den Bikollektivismus.
Dazu gehören in der Regel zwei Menschen. Chemische Kampfstoffe
wie Phenyläthylamine und Endorphine leiten die erste Phase
des Prozesses ein: Mensch X und Mensch Y ziehen sich leiblich
und geistig an und schätzen einander als Individuen. Sie
haben den Eindruck, dass sie auf einer Wellenlänge sind,
und es kommt zu körperlichen Fusionen. Einige Menschen lassen
es dabei bewenden, doch bei den meisten wird durch den Wunsch,
ein Kollektiv zu bilden, die nächste Phase eingeläutet:
X und Y ziehen in eine Zweierkommune ein, und sie organisieren
sich arbeitsteilig auf der Basis nicht verbalisierter freier Handelstätigkeit:
Blumen gegen Zuspätkommen, Diamantring gegen das Gefühl,
ein toller Hecht zu sein, Sex gegen romantisches Vorspiel. Es
kann zum Beispiel auch sein, dass Y Experte im Müllrunterbringen
ist, während X ein leckeres Eisbein zubereiten kann, oder
dass Y weiß, wie man Geld heranschafft, die Stärke
von X dagegen im Ausgeben von Geld liegt.
Meistens
haben in dieser Phase sowohl X als auch Y immer noch das Gefühl,
auf ihre Kosten zu kommen. Daher tritt hier oft ein bestimmtes
Phänomen auf: Um dem Wunsch zu entsprechen, dass dieser harmonische
Zustand Bestand haben möge, schließen X und Y einen
Vertrag. In diesem stellen sie ihre bislang freiwillig und aus
vollem Herzen erbrachten Verhaltensweisen wie Treue, Zusammenhalt
und gegenseitige Unterstützung auf eine rechtliche Grundlage.
Dieser Vertrag sieht auch Sanktionen wie Enteignung im Falle einer
Auflösung des Bikollektivs vor. Dass X und Y diesen Pauschalvertrag
wählen müssen und sich nicht für einen individuellen
Vertrag entscheiden dürfen, liegt an den strengen Vorgaben
von Suprakollektiva wie Kirche und Staat, welche die Kontrolle
über alle Bikollektiva anstreben. Dies hat unter anderem
folgenden Grund: Stabile Bikollektiva neigen dazu, vermittels
der erwähnten Körperfusion neue Kollektivmitglieder
zu erzeugen, die wiederum die Zwangsabgabenzahler von morgen sind.
Durch ihre Bikollektiv-Politik erhalten sich Staat und Kirche
den sie nährenden Tropf. Doch das ist X und Y meistens egal.
Sie sehen ihren Pauschalvertrag als Liebesbeweis und werden von
den Suprakollektiva zudem noch mit einer geringeren Enteignung
belohnt.
Doch spätestens
dieser Pauschalvertrag setzt bei vielen Bikollektiva die dritte
Phase in Gang: Der Handel zwischen X und Y wird von ihnen zunehmend
nicht mehr als freiwillig erbrachte Leistung auf einem freien
Markt, sondern als Pflicht aufgefasst. Es wird vor allem darauf
geachtet, ob der Partner seine Pflichten erfüllt und ob einem
selbst Recht geschieht. Mehr und mehr macht sich ein Gleichheitsanspruch
breit, der darauf abzielt, aus den Individuen X und Y ein Duo-Kartell
zu formen. So kann es sein, dass Y es gewohnt ist, einmal pro
Woche das Bad zu putzen, während das Hygienebedürfnis
von Y allenfalls ein monatliches Reinemachen erfordert. Aus Gründen
der sozialen Gerechtigkeit fordert X nun von Y, dass er den Nasszellenputz
jede zweite Woche übernimmt und hat dabei den Grundsatz „gleiche
Rechte, gleiche Pflichten“ im Hinterkopf. Durch diesen Sozialismus
im Duett schleicht sich ein Unbehagen in das Bikollektiv ein,
das dazu führt, dass X und Y ihre Leistungen gegeneinander
aufrechnen, aber sich immer mehr als zu kurz gekommen dünken,
und das erst recht, wenn die Wirkung der chemischen Kampfstoffe
nachlässt. Je komplexer das Kollektiv wird, etwa durch Nachwuchs,
umso größer kann das unbehagliche Gefühl werden,
Nettoverlierer zu sein. Beide fühlen sich in einer Art Zwangsmarkt
gefangen, bei dem es nur Umverteilungsopfer gibt, ein Markt, in
dem die unsichtbare Hand zur schallenden Ohrfeige wird. X und
Y sind so miteinander verstrickt, dass Revolution oder Separatismus
erhebliche psychische und materielle Schäden mit sich bringen
würden. Daher ziehen es viele Bikollektiva vor, weiterzugehen
auf dem Weg zur dualen Knechtschaft.